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Hör nicht auf zu geben!

"Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage
bis zum Ende der Welt!"
Lk 6,38

Monatsimpuls - 10/2023

Youtube Vorschau - Video ID zb00DnM9b9M

Liebe Freunde von go4peace,

auf einmal warst du da, geboren ins Leben – nackt und hilflos. Und neben dir waren Menschen, die für dich da waren. Sie haben sich um dich gesorgt, Hebammen, Ärzte, deine Mutter, dein Vater, deine Familie … Ohne dass du es wusstest, haben sie sich für dich verschenkt. So konntest du ins Leben finden, Schritt für Schritt. Irgendwann hast du begonnen zu sprechen, hast den Dingen um dich herum einen Namen gegeben, hast „Mama“ und „Papa“ gesagt. Und dann kam der Augenblick, in dem du lerntest „ich“ zu sagen. Du hast entdeckt, dass du jemand bist, der etwas kann und der sogar dem „DU“ etwas schenken kann. Du maltest Bilder, verschenktest sie, warst glücklich über das Lächeln der Beschenkten. Du schenktest und wurdest beschenkt, du gabst und dir wurde gegeben!  (vgl. Lk 6,38) Du entdecktest, wie schön es ist, in Beziehung zu leben, denn dafür sind wir Menschen gemacht. Aus dem „ich“, was sich ans „du“ verschenkt, wird ein lebendiges „wir“.

Mit einem Ehepaar hatte ich mich auf einen Cappuccino getroffen. Eine Jugendliche bediente uns im Café. Sie schien neu im Geschäft und wirkte noch ein wenig scheu. Sie spürte das lebendige Miteinander an unserem Tisch und kam immer wieder, um zu fragen, ob wir noch einen Wunsch hätten. Jedes Mal mühte ich mich, sie ein wenig aufzumuntern und zum Lachen zu bringen. Da wir nach dem Cappuccino Rhabarber-Saft tranken und ich den Saft sehr genoss, scherzte ich, einen „Rhabarber-Verein“ gründen zu wollen. Ob sie auch Interesse habe, beizutreten, fragten wir sie. Sie strahlte. Am Ende schenkte ich ihr unseren Kalender „Worte - wie Sterne in dunkler Zeit“. Beglückt nahm sie ihn entgegen. Als wir das Café verließen, rief sie uns zu: „Danke für Eure Freundlichkeit und schauen Sie mal!“ Dabei wies sie mit dem Finger auf eine Wand neben der Ausgangstür. Dort hing nun der Kalender – wie ein Stern in dunkler Zeit. – Hör nicht auf zu geben! - Don’t stop giving!      

für das go4peaceTeam                                   Meinolf Wacker

Erfahrungen des Monats

Am Ende eines Gottesdienstes stehe ich noch mit einer Gruppe Menschen in der Kirche. Unter uns herrscht eine frohe Atmosphäre. Ein jüngerer Mann kommt mit seiner kleinen Tochter in die Kirche. Ich begrüße sie herzlich. „Wenn ich euch irgendwie behilflich sein kann, gerne!“ sage ich. Der Vater des Kindes antwortet mir: „Ja, ich bin auch in einer Kirche groß geworden, aber jetzt bin ich Muslim. Aber ich möchte, dass meine kleine Tochter alle Religionen kennen und fühlen lernt. Sie möchte jetzt gern eine Kerze anstecken!“ – „Dann macht das am Besten vorne in unserer großen Weltkugel. Die Kerzen dort brennen in den vielen Anliegen dieser Erde!“ lasse ich die beiden wissen. Später, als die Kerze brennt, informiere ich den Vater noch über die Aktion Brückenschläge, die Menschen einlädt, ihre Augen nicht vor den vielen leidenden Gesichtern zu verschließen, sondern diese Menschen in einem kurzen Augenblick Gott anzuvertrauen!“ Dann schenken wir dem Kind noch eine Laterne, die die Messdiener gerade gebastelt haben. „Ich bin so berührt!“ sagt der Mann. „Danke für unser so ehrliches und lebendiges kurzes Miteinander!“

Ich war mit einigen Jugendlichen auf einem Flohmarkt unterwegs, der für Sozial-Projekte veranstaltet wurde. Wir standen vor einer großen Kirche. Mir fiel eine jüngere Frau asiatischen Ursprungs auf, die sehr traurig in die Welt schaute. Ich gab ihr ein kleines Geschenk und sprach sie an. Sie wirkte unsicher. Sie sprach Englisch. Auf meine Frage, woher sie komme, erfuhr ich, dass sie aus Malaysia sei und mit ihrer Mutter für eine Woche nach Europa gekommen sei. Vertrauen wuchs. Sie erzählte, dass sie ihre Schule beendet habe und nun unsicher sei, ob sie auf eine medizinische Hochschule gehen solle. Ich hörte ihr aufmerksam zu und fragte sie dann, wieviel Sicherheit sie für eine Entscheidung brauche. 80 %! Dann ließ ich sie durch kleine Beispiele verstehen, dass die 20 % Unsicherheit bei ihren Entscheidungen bleiben und mitgehen würden und dass sie – in unsicheren Phasen – diesen 20 % nicht zu viel Raum geben dürfe. In der Zwischenzeit war ihre Mutter dazugestoßen und hörte dankbar und aufmerksam zu. Ich sah Tränen in den Augen der jungen Frau, Tränen der Dankbarkeit und Freude. Am Ende sagte die Mutter: „Vielleicht war es nur wegen dieses hoffnungsvollen Gespräches für meine Tochter, dass wir nach Europa kommen sollten. Morgen fliegen wir wieder!“ Dann verabschiedeten wir uns.

„Kann ich kurz mit dir reden?“ lese ich in einer kurzen WhatsApp-Nachricht. Sie kommt von einem Freund aus Afghanistan, dem ich seit seiner Ankunft in Deutschland helfen konnte, hier ins Leben zu finden. Für all die Hilfe, die er bekommen hat, ist er äußerst dankbar und zeigt diese Dankbarkeit, in dem er selber hilft, wo es nur geht. „Ich kenne einige Familien, die haben durch das Erdbeben in Afghanistan alles verloren, ihre Familienangehörigen, ihre Häuser, ihre Kleidung, ihre Nahrung. Sie haben absolut nichts mehr. Ich habe schon helfen können, dass sie Zelte und Kleidung bekommen, aber vielmehr schaffe ich auch nicht mehr? Siehst du noch eine Möglichkeit?“ Sofort entwickeln wir eine neue Projektlinie, um diesen Allerärmsten zum Überleben zu helfen. Später erfahre ich: Seine Frau bekommt augenblicklich keine finanzielle Unterstützung in ihrer Ausbildung. So ist das Monats-Budget sehr klein. Trotzdem haben die beiden alles hergegeben, was sie konnten.

Immer wieder hatte ich versucht, einen Jugendlichen zu kontaktieren, der sich auf die Firmung vorbereitete. Er war kaum zu Veranstaltungen erschienen, auf meine Kontaktversuche reagierte er nicht. Nach vielfältigsten Versuchen und Brückenschlägen spürte ich Ärger in meiner Seele. Ich schrieb ihm, ihm auf dem Weg zur Firmung keine Steine in den Weg legen zu wollen, aber sein Nicht-Reagieren sei nur schwer zu nehmen. Die Mutter meldete sich, ob wir ein Gespräch zu dritt haben könnten. Natürlich gern. Schon nach einer Stunde war ich bei den beiden. Schnell waren wir in einem ehrlichen Austausch. Ich erfuhr, dass der Vater des Jungen die Familie im Stich gelassen und jeglichen Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen hatte. Nach und nach kam viel Schmerz und Enttäuschendes – auch im Hinblick auf die Kirche – ins Wort. Ich konnte alles gut nachvollziehen. Plötzlich war ein Klima unter uns, so dass auch die Mutter Schmerz aus ihrer Seele teilen konnte. Kostbare Augenblicke. Als ich den Jugendlichen am Ende fragte, ob er im Firmgottesdienst einen Text vorlesen könne, schaute er mich an wie einen Omnibus. „Ich?“ fragte er mehrmals. „Kommt gar nicht in Frage!“ Ich ermutigte ihn durch eigene Erfahrung und bat ihn, zumindest abends nochmals darüber nachzudenken. Gegen Mitternacht kam eine WhatsApp: „Ich mach’s!“

Heute rief meine Freundin an. Sie war sehr verzweifelt, weil ihr Mann schwer erkrankt im Krankenhaus liegt. Ich war gerade dabei, meine Wohnung zu verlassen, aber ich blieb am Telefon. Sie erzählte mir ihre Sorgen und Nöte. Später schrieb sie mir: Ich danke dir für unser Gespräch, es hat mir sehr gut getan. Und genau das, war das Monatsmotto. Teile, was schwer ist für Dich! Ich hatte den Brief dazu gerade in meine Muttersprache übersetzt.

In der Frühe des Tages wurde ich wach. Ich hielt noch ein wenig Stille. Verschiedene Regungen nahm ich in mir wahr. Ich entschied mich, dem Positiven in mir Raum zu geben. Mir war, als ordnete Gott all die Schritte meines Tages. Dieser positiven göttlichen Dynamik, dem Heiligen Geist, wollte ich Raum in mir an diesem Tag geben. Ein Anruf. Ein junger Lehrer erzählte mir von der schwierigen Situation in seiner Schule, die nach dem palästinensischen Angriff auf Israel entstanden war. Ich spürte all seine Fragen und seine Not. Geduldig hörte ich ihm zu und gab ihm dann einige konkrete Ideen im Umgang mit den Schüler*innen, die – in seiner Wahrnehmung – schnell zu einseitigen Verurteilungen neigten. „Und wenn du nur einen Schüler bewegt hast, sein Unverständnis und seine Verurteilungen im Herzen aufzugeben, dann hast du für den Weltfrieden gelebt. Denn wie von einem Menschen Weltkrieg ausgehen kann, geht in diesem Augenblick von diesem Menschen Weltfrieden aus“, ließ ich ihn verstehen. „Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber du hast recht!,“ ließ er mich wissen. „Ich spüre, wie wichtig es ist, in jedem Augenblick mit denen, die mir dann nahe sind, Frieden zu halten!“

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