Ich bin glücklich!
Aus den Nachrichten hatte ich erfahren, dass die Luftangriffe in der Ukraine wieder massiv zugenommen hatten. Ich kontaktierte mehrere go4peace-Freunde in dem Land, um sie unsere Verbundenheit spüren zu lassen. Seit Monaten wusste ich um ihre Angst. Daraufhin erreichte mich eine Antwort, die mich sehr bewegt: „Weißt Du, es gibt Momente, da scheint alles zusammenzu-brechen. Ich versuche, eine Aufgabe zu beenden und ein Treffen vorzubereiten, aber ich habe keine Lust. Meine ganze Aufmerksamkeit wird von den Nachrichten in Anspruch genommen, die eintreffen. Es sind wieder Raketen vom Kaspischen Meer abgefeuert worden. Schockstarre. Ich versuche, Verwandte und Bekannte anzurufen. Und ich werde sehr wütend, wenn keine Antwort kommt. Der Verstand will nicht akzeptieren, dass der Mobil-Dienst nicht gut funktioniert. Und dann frage ich in all dem, was Gott will, was er von mir will. In unserem go4peace-Monats-Kommentar vom Oktober lese ich: ‚Nicht lau sein, sondern eine Entscheidung treffen!‘ So entscheide ich mich für kleine Schritte. Ich beschließe, meine Mitarbeiter zu kontaktieren und sie zu bitten, aus Sicherheitsgründen zu Hause zu bleiben. Ja, immer neu kleine Entscheidungen treffen, vorwärts gehen, Gott bitten, auch wenn ich ihn oft nicht spüre, glauben, dass er sich in den Menschen und Situationen des Tages zeigen wird… Zwei Tage unter den Raketen machen mich wahnsinnig, aber ich bleibe auf dem Weg. Danke für all Deine Verbundenheit! Ich brauche sie. Ich spüre mit den Sinnen meiner Seele, ER, Jesus, ist unter uns, will immer neu geboren werden. Das trägt mich sehr! Danke!“
Fast wöchentlich erscheint eine sehr alte ukrainische Frau in unserem ehrenamtlich geführten Kleiderladen. Sie schaut vorbei, auch wenn sie gar nichts braucht. Wir verständigen uns meistens nur über Mimik und Gestik. Sie spürt, dass sie total willkommen ist. Obwohl sie in ihrem hohen Alter alles zurücklassen musste und miterleben muss, wie ihre Heimat zerstört wird, strahlt sie uns immer glücklich an und erzählt ganz viel. Dann nimmt sie uns in den Arm und wir freuen uns jedes Mal sehr, wenn sie kommt. Es ist nebensächlich, ob wir irgendetwas verstehen oder nicht. In den Augenblicken unserer Begegnung ereignet sich eine Liebe zwischen uns, die stärker ist als jedes Leid. Jesus ist in diesen Augenblicken wirklich da. Die strahlenden Augen der alten ukrainischen Frau nehme ich dann im Herzen mit nach Hause. Diese tiefe Liebe, die sich zwischen Menschen verschiedener Nation und Generation schenkt, ist durch keine Rakete zerstörbar.
Ich hatte noch ein wenig Zeit und wollte sie gern jemandem schenken. Ich wusste um einen Ort, wo sich nachmittags ukrainische Flüchtlinge trafen. Ich gesellte mich zu ihnen. Ein junges Ehepaar fiel mir auf. Sie standen mit einem kleinen Kind am Rand und schienen ein wenig scheu. Ich gesellte mich zu ihnen. Die Verständigung war nicht leicht. Immer wieder musste ein Übersetzungsprogramm auf dem Handi helfen. Die Frau war mit dem kleinen Kind schon über sechs Monate in Deutschland, der Mann erst kürzlich aus den russisch gewordenen Gebieten geflohen. Er mühte sich, von sich und seiner Situation zu erzählen. Er war richtig glücklich, jetzt mit seiner Frau und kleinen Tochter in Sicherheit zu sein. Die drei hatten entschieden, in unserem Land zu bleiben. Als ich mich nach einer guten Stunde verabschiedete, tippte der Mann einen ukrainischen Satz in sein Handy. Übersetzt las ich: „Danke, dass Du bei uns geblieben hast und uns Deine Zeit und Deine Liebe geschenkt hast!“
Früh morgens schon saß ich im Frisörshop. Ich war der erste Kunde. Es war noch ruhig. Die Frau, die mich bediente, war wohl mit dem linken Bein aufgestanden. Alles schien schwer und alle Themen, die sie im Herzen hatte, waren belastend: Corona, Energiekrise, Krieg, Ungerechtigkeit, Angst vor der Zukunft… Was kann ich tun, um sie aus diesem dunkeln Loch heraus zu holen, fragte ich mich. Mir kam die Erfahrung mit den Zwiebeln vom Vortag in den Sinn. Einer inneren Stimme folgend war ich zu eine ukrainischen Familie aufgebrochen und hatte ihnen – unerwartet eine Kiste voller Kartoffeln, Zwiebeln und Äpfeln vorbei gebracht. Die Mutter dieser Familie war davon so berührt gewesen, hatte sie doch am Morgen alle ihre Zwiebeln einer befreundeten Familie gegeben, die dringend welche brauchten. Und dann stand ich da mit all den Früchten der Erde. „Boh, das ist ja toll. Ich bekomme gerade eine Gänsehaut!“ hörte ich meine Friseuse sagen. „Und so können wir jeden Augenblick mit dem Licht der Liebe füllen!“ fügte ich hinzu und schaute sie an. „Stimmt, danke fürs Erzählen. Das hat meinen Tag aufgehellt. Jetzt geht’s anders weiter. Nochmals Danke!“ Als ich ihr noch ein kleines Trinkgeld gab, strahlte sie. Mit diesem Strahlen beschenkt verließ ich den Shop.