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Ich bin glücklich!

Es war ein unsagbarer Schmerz. Seit Jahren kannte ich sie und war mit ihnen auf dem Weg. Sie waren als Flüchtlinge unter schwersten Bedingungen in unser Land gekommen. Jetzt war – völlig unerwartet – ihr Vater in ihrer Heimat gestorben. Sie konnten es nicht fassen. Am nächsten Tag besuchte ich sie. Gemeinsam mit Freunden hielten wir mit ihnen das Unfassbare aus, versuchten ein wenig zu trösten. Für den Folgetag schon war in ihrer muslimischen Heimat die Beerdigung angesetzt. Ihr Vater hatte sie über alles geliebt. Jetzt konnte sie nicht zu seiner Beerdigung kommen. Mir kam die Idee, parallel zu seiner Beisetzung bei uns ein Totengedenken zu halten. Sie willigte ein. Ich lud sie ein, auf eine in einem Weihrauchfässchen glühende Kohle einzelne Harzkörner zu werfen und dabei Erinnerungen an ihren Vater zu erzählen. Gern tat sie das. Ich reagierte mit dem, was mein Herz mir sagte und warf ebenfalls ein Weihrauchkörnchen auf die Kohle. All diese Erinnerungen wurden Gebet und stiegen empor. Wir erzählten lange. Raum und Zeit verloren an Bedeutung. Eine Verbundenheit mit dem Himmel war spürbar – lebendige Gegenwart, über alle Grenzen hinweg. Als ich sie nach Hause brachte, sagte sie: „Ich habe einen Vater verloren, ein anderer ist mir hier in Deutschland geschenkt worden.“

Viele Jahre hatte sie in unserer Stadt gelebt. Dann war sie altersbedingt zu ihrer Tochter gezogen. Seither hatten wir noch losen Kontakt über einen Messenger-Dienst. Immer wieder reagierte sie mit kurzen Worten auf die Tagesmotto und ich spürte, wie sehr sie bestrebt war, einen jeden Tag in ihrem Alter voller Bewusstheit zu leben. Am Dreikönigstag des neuen Jahres war das Motto: „Hab Mut, aufzubrechen!“ Sie schrieb: „Das brauche ich! HEUTE ziehe ich um ins Altenheim!“ Ich versprach ihr mein Gebet. Am Folgetag war unser Motto: „Nur wenn du aufbrichst, findest du das Licht!“ Am Abend dieses Tages schrieb sie: „Angekommen, angenommen!“

Auf einem U-Bahnsteig fiel mein Blick auf einen jungen Mann. Ich nahm wahr, dass ein anderer jüngerer Mann asiatischen Aussehens ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Der erst genannte ließ ein paar pöbelnde Worte fallen, so dass der Fremde angstvoll wegging. „Oh immer diese Ausländer, hat der dich auch angemacht?“ fragte mich der junge Mann. Verwundert schaute ich ihn an und sah in seinen Augen, dass er unter Drogen stand. „Nein, ganz im Gegenteil!“ antwortete ich. Seine Bemerkungen wurden verallgemeinernd und aggressiv. „Die sollen doch alle abhauen und nach Hause gehen!“ – „Um Gottes Willen“, erwiderte ich, „dann würde unser ganzes Land zusammenbrechen. Und ich habe viele Freunde, die in anderen Ländern geboren sind und die mich durch ihre Art total bereichert haben!“ Mit großen erstaunten Augen sah mich der junge Mann an. „Das ist auch ne Haltung!“ erwiderte er. Dann reichte er mir seine Hand und sagte: „Sie haben mir heute sehr geholfen!“