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Ich bin glücklich!

Und wieder ging ich durch die Tür in die Asylantenwohnungen unserer Stadt. Ich hatte vor einigen Wochen begonnen, die Frauen, die aus aller Frauen Länder hier wohnen, 14-tägig abends zu einen “Hand-Arbeits-Abend” einzuladen. Ich war mir nicht sicher, ob diese Idee die Herzen der sehr unterschiedlichen Frauen erreichen würde. Aber als ich kam, warteten die ersten schon!  Ramah, Mazahd, Aida, Patricia... schon diese Namen lassen die Buntheit der Gruppe erahnen. Eine Frau schaute nur kurz vorbei. ihr Baby wurde zu unruhig. Beim nächsten Mal will sie aber wieder kommen. Masomeh hatte schon Tee vorbereitet. Wieder war die Stimmung unter uns völlig unbeschwert und frei - und das unter diesen so schweren Lebensbedingungen. Jede half der anderen....völlig selbstverständlich! Eine der Frauen sagte ganz schüchtern, dass sie heute ihren Pass bekommen habe.  Großer Applaus und Glückwünsche von allen Frauen! In Windeseile waren sämtliche Wollknäuel ausgesucht und verteilt und los ging’s.... Da wir uns ja erst in 2 Wochen wieder sehen, haben sich alle gut mit Material eingedeckt, um die Zeit zu "überbrücken". Ich muss jetzt echt für Nachschub sorgen... Wie schön!!!!

Ich ziehe am frühen Morgen einen Zettel "zur Fastenzeit": „Tue einem Obdachlosen etwas Gutes, indem du ihn ansprichst, ihm etwas schenkst oder sonst etwas machst.“ - Ausgerechnet heute!, denke ich. Es schneit und Obdachlose sind auf der Straße nicht zu sehen! Ich gehe – noch sehr müde – ins Bad und mache mich fertig. Als ich in die Küche gehe, sehe ich, dass ich noch sehr viel Baguette und viele Brötchen zum Aufbacken habe, Reste von gemeinsamen Treffen der letzten Tage. Das würde ich nicht alles schaffen, wenn ich dazu noch heute Mittag in die Mensa gehe. Also überlege ich mir, das Baguette vorzubereiten, um es dann in der Uni zu Mittag essen zu können und die Mensa heute nicht zu besuchen. Eine absolute Ausnahme für mich. Aber bei der Zubereitung des Baguettes merke ich: ich habe zwar gute Soßen, aber leider „nur“ Käse da. Für ein leckeres Baguette braucht es noch Schinken oder sowas. Dafür müsste ich noch kurz in den Supermarkt um die Ecke, auch wenn ich das nie so früh morgens noch vor der Uni mache. „Dann nehme ich halt einen Bus später“, denke ich, „schließlich habe ich heute keinen festen Termin.“ Plötzlich kommt meine Mitbewohnerin in mein Zimmer, die normalerweise deutlich später aufsteht als ich, und bietet mir an, in einer Stunde mit ihr im Auto zur Uni zu fahren, so würde ich Zeit sparen. „Das passt ja!“ freue ich mich und gehe beruhigt in den Supermarkt. Durch den Hintereingang. Wie so häufig, da er für mich günstiger liegt als der Haupteingang. Ich kaufe Schinken und gehe dann - eher  „zufällig“ - durch den Haupteingang wieder heraus.
Ich traue meinen Augen nicht: ein Obdachloser! Auf Knien direkt vor dem Eingang des Supermarktes unter einem kahlen Baum – mitten im kalten Schnee, mit einer schwarzen Mütze auf dem Kopf und einem Pappbecher in der Hand. Für einen Moment hielt ich inne und konnte es nicht fassen. „Ausgerechnet heute!!“, denke ich wieder! Unglaublich!! Er schaut mich mit seinen mitleidigen und leicht schiefen Augen an, ich gehe auf ihn zu und spreche ihn an. Leider versteht er offensichtlich kein Deutsch. Nur den Namen bekomme ich raus: Rado. Ein paar Fragen stelle ich ihm auf Deutsch und Englisch, doch er schaut mich nur verständnislos an. Meistens sind es Rumänen, die hier auf den Straßen unserer Stadt anzutreffen sind. Plötzlich sagt er: „Italiano?“ Ich antworte auf Italienisch: „Ah, du spricht Italienisch, das ist super, ich spreche auch italienisch!“ Ich bin völlig überrascht, einen Obdachlosen  zu treffen, mit dem ich sprechen kann. Ich frage ihn, ob er was zu essen möchte. Er nickt. Ich gehe nochmals in den Supermarkt, stelle eine Tüte verschiedener Dinge zusammen und gebe sie dem Mann. „Ecco!“ („Schau mal!“) sage ich zu ihm und reiche ihm strahlend die Tüte. Auch er lächelt kurz und schüchtern, aber voller Dankbarkeit. Ich frage ihn noch ein paar Dinge zu seiner Situation, wir kommen kurz ins Gespräch, dann sage ich zu ihm: „Sicher sehen wir uns noch einmal.“ Ich lächle ihm zu, er lächelt zurück. „Ciao!“ – „Ciao!“Ausgerechnet heute ziehe ich genau diesen Zettel. Ausgerechnet heute gehe ich nicht in die Mensa, weil ich noch Baguette habe. Ausgerechnet heute brauche ich noch schnell Schinken und gehe ausnahmsweise schon vor der Uni in den Supermarkt. Ausgerechnet heute benutze ich den Haupteingang des Supermarktes und nicht wie so häufig den Hintereingang. Ausgerechnet heute sitzt dort ein Obdachloser. Ausgerechnet heute hab ich eine Mitfahrgelegenheit zur Uni  und so ausreichend Zeit, mich um diesen Mann zu kümmern. Ausgerechnet heute spricht der Obdachlose auch noch Italienisch und nicht nur Rumänisch, wie die vielen anderen hier und ich kann so mit ihm ins Gespräch kommen. So eine unglaubliche Erfahrung der Begegnung mit Gott! Ausgerechnet heute!

Von einem Telefonat war mir hängen geblieben:  „Erzähl von deinen Erfahrungen!“ Ich war “auf Heimatbesuch” bei meiner Familie. Bei einem Spaziergang ergab sich ein Gespräch mit meiner Mutter, was nicht mehr allzu häufig ist. Was war jetzt dran? Was war der Wille Gottes für diesen Augenblick. Ich erinnerte mich an den Impuls: Erzähl von deinen Erfahrungen! - So begann ich, von mir zu erzählen, von Freunden, mit denen ich immer wieder Zeit teile.
Meine Mutter hörte sehr aufmerksam zu. Dann begann sie, sich zu öffnen und erzählte von ihrem Bruder, zu dem der Kontakt vor Jahren abgebrochen war, nachdem viele Probleme in seinem Leben aufgetaucht waren und er sich abgekapselt hatte. Jetzt wohnte er nicht mehr im Elternhaus, sondern irgendwo in seiner Heimatstadt. Meine Mutter hatte weder Adresse noch Telefonnummer... All das konnte sie erzählen und ich spürte, wie sehr sie litt, dass sie gar nicht mehr an ihren eigenen Bruder heran kam. Es wurde ein langer Spaziergang. Am Schluss sagte sie: „Weißt du, mittlerweile gehe ich schon ganz anders mit solchen lebensgeschichtlichen Problemen um, als noch vor einem Jahr. Ich versuche, mich ihnen ehrlichen Herzens zu stellen!” Als ich ihr dabei ins die Augen schauen konnte, spürte ich, wie gut es war, dass wir den Spaziergang gemacht hatten und dass ich begonnen hatte, einfach von mir zu reden.

Ein Tag stand an, ohne weltbewegende Dinge. Ich war schon durch einige Türen gegangen. Kostbar sollte er werden, durch die “kleinen Tür-Schritte” hatte ich mir vorgenommen. Es schellte. Ich arbeitete gerade im Keller. Die Stimme einer Tante hörte ich an der Tür. Vor einigen Jahren war ihr Mann gestorben, in diesen Tagen jährte sich sein Geburtstag. Die Arbeit im Keller - dachte ich mir - kann noch warten. So setze ich mich zu der kleinen Gesprächsgruppe, hörte aufmerksam zu und erzählte auch von mir. Mehr und mehr entwickelte sich ein Gespräch von Herz zu Herz. Ich durfte miterleben, wie meine Tante ihre nicht leichte Lebensphase meisterte und wie sehr sie an unterschiedlichsten Dingen Interesse hatte. “Weißt Du,” hörte ich sie sagen, “ich hab mich auch total für das Leben des Papstes interessiert, der in dieser Zeit dieses so schwere Amt in seinem Alter noch übernehmen mußte. Ich hab mir sogar das Buch gekauft, in dem sein Gespräch mit Jürgen Habermas aufgezeichnet ist. Es geht da um ‘Werte in Zeiten des Umbruchs’. Einige Sätze muss ich darin zwei oder drei Mal lesen, aber dann verstehe ich sie.” Ich war ganz gerührt, wie sehr meine Tante in den Herausforderungen unserer Zeit stand und ganz persönlich daran teilnahm. Als wir uns verabschiedeten, blieb mir eine große Freude im Herzen.