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Ich bin glücklich!

Im Evangelium des heutigen Tages hatte Jesus mit dem Gleichnis vom unfurchtbaren Feigenbaum deutlich zu machen versucht, dass unser (geistliches) Leben auf Fruchtbarkeit hin angelegt ist. Wer keine frucht bringt, wird - wie der Feigenbaum - “umgehauen”. Aber der Text endet nicht so niederschmetternd. Vielmehr gibt es noch “eine letzte Chance”. Der Weinbauer bittet - im Gleichnis - den Besitzer des Weinberges, noch ein Jahr zu warten. Er will den Boden um den Feigenbaum auflockern und düngen und ihm eben noch “eine Chance” geben. Wenn dann auch keine Frucht kommt, dann kann der Baum beseitigt werden.  In meiner Predigt hatte ich mehrere konkrete Erfahrungen weitergegeben, wie Menschen begonnen hatten, ihre “letzte Chance” zu nutzen und wirklich umzukehren. Nachmittags erreicht mich eine sms: “Oft komme ich mir vor, wie der Feigenbaum aus dem heutigen Evangelium. Ich habe noch eine Chance bekommen. Dafür bin ich Gott sooooo dankbar. Jetzt gleich besuche ich eine Dame von 92 Jahren, die ich  Anfang dieses Jahres kennen gelernt habe. Ich bin so dankbar!” Als ich dieses SMS lese, spüre ich: Der Ruf Jesu, “Mich dürstet!” ist auch bei dieser Frau angekommen. Welche Freude!

Es ging um Leben. Seit vielen Tagen hatte ich Ultraschalluntersuchungen gemacht, alles blieb unverändert. Das Herz schlug und schlug und schlug... Das Kind lag einsam und reglos da. Ich nahm die Mutter in den Arm , beide hatten wir Tränen in den Augen. Sie bedankte sich, dass ich sie auf diesem Weg nicht alleine ließ. Dabei spürte ich eine tiefe Dankbarkeit, dieser Frau in all dem Schmerz nah sein zu dürfen! Natürlich belastet diese Situation unser ganzes Team.  Oft blieb nur Sprachlosigkeit. Aber nicht nur das. - Heute kam eine Mitarbeiterin, um mir zu sagen, wie gut sie es fände, dass wir so für das Leben zusammen arbeiten. Plötzlich begann sie, von ihrer eigenen Schwangerschaft zu erzählen. Es ging um Zwillinge. Sie und ihr Mann hatten lange auf die Schwangerschaft warten müssen. Dann gleich Zwillinge... Mitten in der Schwangerschaft wurde ihr gesagt, dass bei einem Kind eine Auffälligkeit sei und sie weitere Untersuchungen machen solle. Sie gingen zu einer speziellen Untersuchung und bekamen eine niederschmetternde Nachricht! Höchst wahrscheinlich hatte dieses Kind ein Down-Syndrom. Es wurde ihnen nahegelegt, dieses eine Kind abzutreiben! ”Wir waren total geschockt und irgendwie hilflos”, erzählte sie, “aber nur für einen ganz kurzen Augenblick schien uns dieser Weg, ein Leben auszulöschen, möglich. Dann haben mein Mann und ich uns darauf besonnen, dass wir ja voller Überzeugung kirchlich geheiratet haben und im Glauben an Gottes Mitgehen stehen. Und so konnten wir uns bewusst und fest dafür entschieden, dieses Kind zu bekommen, egal ob es beeinträchtigt sein sollte oder nicht!” Bei vielen Bekannten stießen die Eheleute auf kein Verständnis. So wurde die weitere Zeit der Schwangerschaft zu einer noch größeren Belastung. Doch dann wurden zwei völlig gesunde Kinder geboren!  “Nach der Geburt musste ich oft weinen, wenn ich unseren kleinen Sohn ansah!” erzählte mir meine Kollegin.

Ein sehr persönliches Gespräch hatte sich entwickelt. Einmal mutig geworden, erzählte mein Gesprächspartner, wie wichtig ihm sein christliches Leben sei. Er und seine Frau hatten sogar  ihr Haus von einem befreundeten Priester segnen lassen. Es sei ihm schwer gefallen, auf die Einladung nur “Haussegnung” zu schreiben. So erschien hinter einem Schrägstrich noch die  “Einweihungsparty”. Und dann kam der Tag - mit einer Menge an Gästen, viele kirchlich nicht gebunden. Jedes Zimmer segnete der Priester, auch den völlig unaufgeräumten Keller. Zum Schluss des Segens-Ritus  beteten alle Gäste gemeinsam das ”Vater unser” und sangen ein Danklied... Viele Rückmeldungen kamen nach dem Abend - nicht auf die Party, sondern auf die Segnung hin!

“Mich dürstet!” Dieser - oft verborgene - Ruf Jesu geht mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinn. Ich sitze im Zimmer eines Mannes aus Afrika, der seit zwei Jahren in unserem Land ist, und noch nicht weiß, ob er bleiben darf oder nicht. Er fühlt sich verdammt zur Untätigkeit. Kontakt zu unseren Landsleuten gelingt ihm kaum. Er wird sehr fordernd. Ich ahne seine Not und verstehe “seinen Auftritt”. In seinen verzweifelten Augen höre ich IHN: “Mich dürstet!”
Am Telefon höre ich: “Hast Du Erfahrung mit Kirchen-Asyl? Was denkst Du, wir haben da eine Anfrage, können wir es wagen?” Drei Mal hören wir uns an diesem Tag - immer neu gilt es für mich innezuhalten und ganz bei dem Anrufenden zu sein. Wir finden notwendige Informationen und finden vor allem zu einer tragenden inneren Positionierung durch. Auch da der Ruf: “Mich dürstet!” Am späten Nachmittag finde ich die Botschaft: “Wie haben uns entschieden. Wir tun es!” - “Es lebt noch, bewegt aber weder Arme noch Beine. Zur Untätigkeit verdammt, genau wie wir! Und doch ist da nicht nur Schmerz! Es ist eine ganz sonderbare Empfindung, habe noch kein Wort gefunden. Bin bei aller Belastung, dankbar für diese Begegnung!” lese ich in einer Mail eines Menschen aus einem anderen Kontinent. Ein junges Paar - mit der Botschaft ihres schwerst kranken Kindes... “Mich dürstet!” Und ein weiterer Anruf. Ich höre vom zweiten Sterbefall innerhalb weniger Tage in einer Familie. Alles ist auf einmal zerbrechlich. Ich versuche so gut ich kann zuzuhören. Auch dort “dürstet er”.-  “Ich bin richtig krank geworden und bin schon im Abschiedsschmerz in meiner Lebensetappe. Gern würde ich Jesu Durst durch konkrete Schritte der Liebe noch mehr stillen. Aber ich kann - körperlich gehandicapt im Augenblick nur ganz wenig tun. Und dann zeigen mir meine Tränen, dass ich IHM, so wie ich gerade bin und mit dem was ich kann, meine Liebe zeigen kann!” Was für ein Geschenk, denke ich. - Es war viel, was dieser Tag an göttlichem Durst offenbart hat. Mein Herz findet echten Frieden beim Dank für die vielen, die mir heute gezeigt haben, wie sie SEINEN Durst heute durch ihre Liebe gestillt haben!