Ich bin glücklich!
Von weit her war er gekommen. Wir mußten uns dringend mal wieder sehen. Freundschaft will auch in geteilter Zeit gelebt sein. Ich freute mich auf ihn. Ein Cappuccino würde nicht reichen. Und so kam es. Nach einem kurzen Spaziergang begannen wir mit dem ersten. Viel Leidvolles vertraute er mir an, aus seinem Leben, aus seiner Ehe. In allem spürte ich eine ganz tiefe Liebe zum Leben. Ich durfte miterleben, wie er sich all den Herausforderungen seines Lebens stellte. “Weißt Du,” sagte er, “wenn irgendwann jemand anklopft und mir sagt: ‘Es ist Zeit, komm mit!’ dann werde ich froh sein, noch drei Sekunden zu haben, auf mein Leben zurück zu schauen und ich hoffe, dann sagen zu können: Es war gut so!” Wir kamen in ein tiefes freundschaftliches Gespräch. Wir verstanden gemeinsam, dass am Ende des Lebens nicht die Fehler, die wir gemacht haben, sondern das Leben, das wir nicht gelebt haben, eine Last sein wird, die uns nur schwer zum Versöhnt-Sein mit unserem Leben finden läßt. Wir teilten die Freude über die Wagnisse unseres Lebens. Ich begann von mir zu erzählen, von Aufbrüchen und Suchbewegungen. Aufmerksam hörte er zu. Ich hatte den Eindruck: Wir sind nicht allein. Ein anderer rührt - in gegenseitiger Liebe geboren - unsere Herzen an. “Ja,” sagte er plötzlich, “ das ist die tiefe Verantwortung, die jeder für sein Leben hat. Alles, was ist, darf sein. Alle Freuden, alle Verletzungen, alle Wunden, alles Schwere... - Aber wie ich mit all diesen Dingen umgehe, wie ich mich ihnen stelle und wie ich daran zu wachsen gewillt bin, das ist allein meine Verantwortung. Die kann mir niemand abnehmen.” Mit einer großen Freude im Herzen verabschiedeten wir uns voneinander. Er fuhr zurück in eine nicht leichte Situation. Und dennoch: Irgendwie schien alles in einem neuen Licht!
Eine längere Autofahrt lag vor mir. Ich hatte verschiedenste Leute im Herzen, die ich anrufen und grüßen wollte, um sie spüren zu lassen, dass ich sie nicht vergessen hatte. Nachdem ich drei Mail-Boxen glücklich gemacht hatte, kam es beim vierten Anruf zu einer Live-Begegnung am Telefon. “Schön, dass Du anrufst!” hörte ich und spürte, dass es zunächst von meiner Seite des Erzählens bedurfte. So begann ich von meinen vergangenen Tagen zu erzählen, vor allem von den kostbaren Momenten, die mir geschenkt worden waren. Dann reagierte auch mein Gegenüber am Telefon. Auf meine Frage, wie es ginge, kam eine sehr verhaltene Antwort. Ich spürte ein Ringen und Kämpfen, gepaart mit einer tieferen Unsicherheit. Mir kam der Impuls: “Bleib dran!” Und so versuchte ich, mich so gut ich konnte, in die Lebenssituation des Gesprächspartners hinein zu hören und von innen her zu verstehen. Mehr und mehr konnte ich anvertrautes Leid einordnen und ihm ein wenig die Schärfe und Schwere nehmen. Ich legte noch eigene kleine Erfahrungen hinzu, die Frieden in der Seele meines Gegenübers wachsen ließen. Als wir das Gespräch beendeten, begann ich, in den Anliegen, die ich gehört hatte, zu beten. Spät abends erreichte mich noch eine sms: “Danke, dass du angerufen hast! Das tat soooo gut!”
In Leipzig, der Stadt der Wende hatten wir uns getroffen. Ein “Zeit-Zeuge” wartete dort auf uns, um uns an seinen Erfahrungen zur Zeit der Wende teilhaben zu lassen. Fast achtzig jährig hatte dieser Mann zunächst die braune, dann die rote Diktatur durchleben und durchleiden müssen. Er hatte miterleben müssen, wie die Leipziger Universitätskirche, ein historisches Kleinod, von der DDR-Diktatur gesprengt worden war, weil einer der leitenden Köpfe geäußert hatte: “Das Ding muss weg!” Unser Zeitzeuge war in allen Anfechtungen treu geblieben und hatte sich - auch in der Verantwortung für seine Familie stehend - der DDR-Diktatur nicht gebeugt. Er hatte gespürt, dass sich die Schlinge um seinen Hals gegen Ende des Regimes immer stärker zugezogen hatte. Gebannt hörten wir zu.
Hier erzählte ein Mann objektive Geschichte, zutiefst verwoben mit seiner persönlichen Geschichte. Er spürte, wie sehr wir liebend Ohr waren für ihn und seine Botschaft. “Das erzähle ich eigentlich nie!” hörten wir ihn plötzlich sagen, “aber ich spüre, Euch kann ich das anvertrauen!” Aus tiefer Gegenseitigkeit geboren, begann er, innerstes historisches Wissen weiterzugeben. Er sprach von den Botschaften von Fatima, in denen Maria darum gebeten hatte, der Papst solle Russland - in Gemeinschaft mit der ganzen Bischofsschar der Welt- ihr weihen. Er erzählte, wie Papst Johannes Paul II. direkt nach seinem Attentat die Fatima-Akte ins Krankenhaus gebracht worden war und wie sehr ihn diese Botschaft berührt und was sie in ihm bewegt hatte... Im Zuhören hatte ich den Eindruck, den inneren goldenen Faden der Geschichte der Wende “hören und sehen” zu dürfen. Vor unseren Augen erlebten wir Heils-Geschichte aus jüngster Zeit nach.
Wir sind in verschiedenen Kirchen beheimatet. Wir kannten einander nicht. Beim Abendbrot eines kleinen Kongresses kamen wir nebeneinander zu sitzen. Mir fiel der wache und interessierte Blick meines Gegenübers auf. Seine schweigende Zurückhaltung erlebte ich als sehr einladend. Ich begann ein wenig von meinen Erfahrungen zu erzählen und versuchte - mich darin schenkend - eine Brücke zwischen unseren verschiedenen Welten. Ich erzählte von Jugendlichen, die im praktischen Tun dem gelebten Evangeliums auf die Spur gekommen waren und die darin eine Freude gefunden hatte, die sie nicht für möglich gehalten hatten... Bei meinem Erzählen schaute ich in Augen - wie in einen Brunnen. Ich begann vorsichtig nach seinen eigenen Erfahrungen zu fragen, mit Zusammenspiel mit jungen Leuten. Wir fanden in ein ehrliches, bereicherndes Gespräch. “Wirst Du von all Deinen Erfahrungen in Deiner Stadt in den nächsten Tagen noch mehr erzählen?” fragte mein Gegenüber mich vorsichtig. Ich spürte, wie sich unter uns ein Raum geöffnet hatte, Raum für den, der immer bei uns sein will.