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Ich bin glücklich!

Ich weiß um vier Geschwister, zwei Frauen und zwei Männer, die gemeinsam eine Holzwerkstatt betreiben. Wir kennen uns nicht persönlich. Eine der Schwestern, erst knapp über 30, wird in den nächsten Tagen an einer schweren Erkrankung sterben. Trotz geschehener medizinischer Fehler geht diese junge Frau ihren Weg ohne Groll. Ihre ähnlich alte Schwester scheint auch ernsthaft erkrankt. Ich riet ihr über eine Freundin zu einer Untersuchung. Und die sterbende Frau, die mich überhaupt nicht kennt, bedankt sich, dass ich mich so einfühlsam – über die Freundin - um ihrer Schwester kümmere. Das hat mich so dermaßen gerührt, dass mir die Tränen kamen. Ich bewundere diese sterbende Frau. Was für eine Liebe!

Den ganzen Tag war ich für ukrainische Flüchtlinge in ihren Belangen unterwegs gewesen. Ich hatte viele schwere Geschichten gehört. Dann fuhr ich mit einer Helferin nochmals in eine Flüchtlingsunterkunft, um dort 15 Scooter an die Kinder und Jugendlichen weiterzugeben. Ein aufgeweckter 13-Jähriger ließ mich verstehen, dass er lieber ein Fahrrad hätte, so eins, wie ich seinem Freund schon besorgt hatte. Das Tagesmotto kam mir in den Sinn: „Diene dem Leben!“ So gab ich mir trotz vorgerückter Stunde einen Schub und rief an einer Fahrradsammelstelle an. Wir konnten noch vorbei schauen. So fuhr ich mit dem Jungen zur Werkstatt. Voller Hoffnung sprang er aus dem Auto. Aber unter den Fahrrädern war für ihn kein Passendes dabei. Ich spürte seine Enttäuschung und versuchte ihn zu trösten. Als ich ihn zu seiner Familie zurückbrachte, sah ich die gleiche Enttäuschung in den Augen der Mutter. Schweren Herzens verabschiedete ich mich und fuhr noch für eine Zeit der Stille in unsere Kirche. Mir liefen die Tränen und ich ließ Jesus verstehen: „Ich hab heut alles gegeben! Kümmere Du Dich jetzt um ein Fahrrad für den ukrainischen Jungen!“ Als ich spät abends auf mein Handi schaute, ließ mich die Mutter des Kindes, dem ich ein schönes Fahrrad besorgt hatte, wissen, dass ihr  Sohn lieber einen Scooter hätte. Sie schrieb: „Und deshalb hab ich das Fahrrad an Jaroslav weitergegeben, denn ich wusste um seine Traurigkeit!“

Ich stehe im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse. Die Kassiererin ist eine junge, attraktive Frau – aber leider, leider hat sie beide Arme voller Tattoos. Das mag ich gar nicht! Wie können die jungen Menschen sich bloß so verunstalten!

Es geht nicht weiter. Der Mann, der gerade bezahlen muss, kramt schwerfällig in seiner Geldbörse und findet nicht das passende Geld. Da fesselt die Kassiererin meine Aufmerksamkeit. Sie spricht ganz ruhig und sehr zugewandt mit dem Mann, der Bezahlvorgang dauert an. Endlich ist er fertig und sie schickt ihm noch einen freundlichen – keineswegs den üblichen stereotypen – Abschiedsgruß hinterher. Ich bin angerührt und nachdenklich. Zwei Leute später bin ich an der Reihe. Ich sage zu der jungen Frau: „Das tat richtig gut am frühen Morgen,  soviel freundliche Geduld zu erleben!“ Überrascht und erfreut schaut sie mir in die Augen. „Danke“, sagt sie, und wir wechseln einige persönliche Sätze. Eine Begegnung, eigentlich sogar zwei. Und vielleicht wird ihr diese Begebenheit am Ende des langen Arbeitstages in angenehmer Erinnerung bleiben. - Übrigens: ich sage nie wieder etwas Abfälliges über tätowierte junge Menschen!

Bei der Konfirmationsfeier der Tochter unseres Freundes lernten wir seine Eltern kennen. Unser Freund ist alleinerziehender Vater. Die Scheidung von seiner Frau hatte viele Scherben hinterlassen und verursacht noch immer weitere Konflikte.
Nach der kirchlichen Feier ergab sich ein Gespräch mit der Mutter unseres Freundes. Ihr Schmerz und ihre Verletzlichkeit berührten uns sehr. Sie redete über die schlimmen letzten Jahre und vertraute uns alles an: Ihre Ängste, ihre Sorgen um die Enkelkinder, viele belastende Erfahrungen, ihre Hilflosigkeit, aber auch ihre Freude darüber, dass die Kinder langsam wieder Zuversicht gewinnen. Sie spürte, dass uns die Freundschaft zu ihrem Sohn wichtig ist und dass wir ihre Enkelkinder sehr gern haben.
Beim Abschied bat sie uns, bald wiederzukommen. Wir umarmten uns herzlich und wussten, dass in der kurzen Zeit eine bleibende Beziehung entstanden war, obwohl wir uns vorher noch nie gesehen hatten.