Ich bin glücklich!
Fronleichnamstag. Ich hatte mich mit Gästen aus der Ukraine verabredet, sie um 9 Uhr an ihrer Unterkunft abzuholen. Um die gleiche Zeit begann die Messe, was ich nicht wusste. Als ich bei den Ukrainerinnen ankam, wartete ein Gruppe von zwei Erwachsenen und 5 Kindern auf mich, eine davon war eine Musikschullehrerin, die spontan einen Chor zusammen gestellt hatte. Ich brachte sie zur Kirche. Nach wenigen Minuten kamen weitere Ukrainer. Wir waren plötzlich eine Gruppe von 25 Leuten. Ich baute unter allen Beziehungsbrücken auf und bereitete mit ihnen Lieder und Interviews für die Prozessionsstation vor. So konnte ich nicht – wie geplant – an der Eucharistiefeier teilnehmen. Gegen 10 Uhr kamen die Messteilnehmer in einer kleinen Prozession zu „unserem Fronleichnams-Altar“. Die ukrainischen Gäste begannen ein ukrainisches Lied zu singen, sagten dann alle ihre Namen und woher sie kamen und ließen in einem kurzen Interview noch tief in ihre Seele blicken. Es waren bewegende Augenblicke. Bei manchem sah ich Tränen in den Augen. Als wir später in die Kirche einzogen – mit den Gottesdienstteilnehmern und den Ukrainischen Gästen – und ich zwischen den Osteuropäern Platz nahm, liefen mir die Tränen. Wir empfingen alle den feierlichen Segen und ich verstand: Gott hatte mich den ganzen Morgen Brot sein lassen für diese Menschen – so waren wir im Geheimnis der Eucharistie tief verbunden gewesen.
Woche für Woche hatten wir uns über Zoom gehört und Anteil genommen an der schwierigen Situation in der Ukraine. Aus dieser Freundschaft waren vielfältige große Projekte entstanden, die wir durch Spendenaktionen von Deutschland aus unterstützen konnten. 6 Feldküchen waren aufgebaut worden und nun wuchs ein kleines Kinderdorf für 55 Waisenkinder. Erneut hörten wir uns am Telefon. Lange erzählte unser Mitbruder, wie er immer neu seine Rolle als Priester in dieser Zeit des Krieges finden konnte. Und wie geht es Dir persönlich, fragte ich am Ende unseres Meetings: „Ich habe durch Eure Freundschaft gelernt, was ich bisher nur aus Büchern kannte. Wenn wir über Zoom zusammen sind, dann spüre ich wirklich FAMILIE. Das ist viel mehr wert, als alles Geld, was natürlich auch in dieser Zeit sehr notwendig ist. Und dann bin ich ja ein Mensch, der immer lange plant. Aber das geht in diesen Zeiten des Krieges nur bedingt. So habe ich gelernt, immer im Augenblick zu leben und dann Gott das Ruder übernehmen zu lassen. Und das bringt meiner Seele Frieden – auch in Zeiten des Krieges!“
Ich hatte einige Frauen aus der Ukraine mit großem künstlerischen Talent gebeten, eine große Europakarte auf die Wand unserer Zentrums zu malen. Gern hatten sie zugesagt. Wir hatten Farben und Pinsel besorgt. Nun sollte es losgehen. Mit meinem Laptop und einem Projektor warfen wir eine Europakarte an die Wand. Die beiden Künstlerinnen und ein Jugendlicher malten die Grenzlinien und die Ländernamen mit großer Genauigkeit nach. Ich hatte für diesen ersten Schritt eine Stunde eingeplant und es warteten noch viele Aufgaben auf mich. Nach zweieinhalb Stunden bat ich, den Laptop mitnehmen zu dürfen. Aber es zeigte sich, dass er noch weiterhin gebraucht würde. Damit konnte ich meine Arbeit nicht fortsetzen. „Jede Schwierigkeit eine Chance!“ dachte ich mir. Ich ging in einen Laden und kaufte Aprikosen und Erdbeeren. Ich richtete sie her und stellte sie im Zentrum auf den Tisch. Bald wurde Mittagspause gemacht. Dann ging die Arbeit weiter. Abends dankte ich einer der Künstlerinnen für ihre liebevolle und kompetente Art und Arbeit. Zu später Stunde erreichte mich noch eine Nachricht: „Danke für Deine warmen Worte, lieber Meinolf! Ich schätze es sehr, was Du alles für uns getan hast. Wir haben einen wunderbaren Tag in einer liebevoll freundlichen Atmosphäre verbracht!“
Eine Woche lang hatten wir im hybriden Sommercamp an 7 Orten Europas vernetzt zusammen gelebt und uns für den Frieden engagiert. Im Camp in meiner Stadt waren fast 100 Ukrainer*innen engagiert. Jeden Morgen begannen wir mit einem kleinen Motto aus dem Tages-Evangelium. Am vorletzten Tag lasen wir im Evangelium: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu!“ Wir verstanden: Maria war im Hören auf Jesus ganz auf das Wirken Gottes ausgerichtet. So war unser Motto: „Gott ist am Werk, entdeck es!“ Bei unserem Abschlusstreffen am nächsten Tag dankte ich den Ukrainischen Campteilnehmer*innen für die viele Liebe, die sie im Camp investiert hatten. In dieser Liebe – so ließ ich sie verstehen – war und ist Gott am Werk, denn ER ist die Liebe. Spät abends schrieb mir eine Ukrainerin: „Danke für diese wunderbare Zeit. Ich habe einen so tiefen Frieden in mir gespürt. Ich werde in die Ukraine zurück kehren, aber ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, hier bleiben zu wollen, weil ich unter uns ein Leben entdeckt habe, das ich vorher nicht kannte."