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Ich bin glücklich!

Sehr plötzlich wurde bei meiner Mutter eine sehr ernste Erkrankung fest gestellt. Wir wußten, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. So begann ich, meine eigene Zeit und die unserer ganzen Familie um das Geschehen des Sterbens meiner Mutter anzuordnen. Wir wollten möglichst viele Stunden noch miteinander teilen. Ich bin es gewohnt, täglich eine Meditation zu machen, aber dafür war jetzt kaum Zeit. Um so kostbarer wurden mir die “Alltagsgegenstände”, die mir halfen, immer neu in der Gegenwart Gottes anzukommen. Meine Mutter mußte ins Krankenhaus, wurde immer wieder umgebettet. Immer wieder ging ich durch Türen und erinnerte mich: “Tritt jetzt in den Willen Gottes ein!” So war ich im Krankenhaus und bei all den Untersuchungen ganz für sie da. Als ich dann wieder zu Hause war und mich um die Kinder mit ihren Alltagssorgen und vielen Schularbeiten zu kümmern hatte, war ich ganz für sie da. Die Tür half mir ungemein. Auch für meine Mutter waren die kleinen Karten ein richtiges “Vademecum”. Als sie ins Krankenhaus kam, nahm sie den Brief und die kleine Karte mit, als sie nochmals für ein paar Tage entlassen wurde, mußte die Karte und der Brief wieder mit. Sie lebte den Willen Gottes Augenblick für Augenblick. Dann kam der März und mit diesem Monat das Symbol des Bechers. Meine Mutter - mit einem aggressiven Tumor - hatte starke Schmerzen. Leicht war der Weg nicht für sie. Jeder Becher erinnerte uns gemeinsam daran, ihn bis zum Ende auszutrinken. Wie oft sagte sie mir wenige Tage vor ihrem Tod: “Ich hab Durst. Kannst Du mir ein wenig zu trinken geben!” Immer wieder blieben wir dran - an den Worten Jesu und lebten sie mit letzter Konsequenz, erinnert durch die Tür und den Becher. Wir holten sie dann noch in unsere Stadt, um die letzten Tage ganz mit ihr sein zu können. Die Kinder und wir haben uns alle von ihr verabschieden können. Ja, wir haben den Becher ausgetrunken, bis zum letzten Tropfen und haben ihren und Seinen Durst stillen dürfen.

Loyal und ehrlich hatte er gearbeitet - über lange Jahre hinweg. In einer Sitzung im engsten Mitarbeiterkreis hatte er Dinge benannt, die - für alle offensichtlich - nicht optimal gelaufen waren.  Das hatte ihm sein Chef übel genommen. Er hatte es sogar als fehlende Loyalität ausgelegt, ohne das jedoch direkt zu sagen. Von weit her war er gekommen. Als ich ihn am Bahnhof abholte, scherzten wir - wie gewohnt, aber schon bald war diese schwere berufliche, menschlich total belastende Situation Thema unseres Gespräches. Hinten herum hatte er mitbekommen, dass bereits ein neuer Mann für seinen Posten gesucht wurde. Interessenten waren schon angesprochen worden. Ihm aber sagte niemand etwas davon. Es war auch klar, dass er in den nächsten Wochen seinen Chef aufgrund vieler internationaler beruflicher Verpflichtungen nicht würde sehen können. So blieb diese Situation schwer. Wir hielten sie aus - gemeinsam.
Wie konnte ich den Durst Jesu in diesem Menschen stillen?, fragte ich mich immer wieder. Wie konnte er noch tiefer mein Mit-Sein, mein Bruder-Sein spüren? Ich kaufte noch ein paar ganz leckere Süßigkeiten. Sein Zug - am Tag seiner Abreise - ging sehr früh. Meine Nacht hatte nur knapp drei Stunden Zeit zum Schlaf gewährt. Als ich aufstand und einen Kaffee bereitete, spürte ich: Diese kleinen Schritte für den Bruder sind meine Liebe! Ich fuhr ihn zum Bahnhof. Wir versprachen einander unser Gebet. Tage später eine Mail: “Ich bedanke mich für die schönen, brüderlichen Tage!”

“Ich mache gerade die schwerste Zeit meines Lebens durch!” lese ich in einer Mail. Diese Botschaft ist gekoppelt mit der Frage, ob wir uns möglichst schnell sehen können. “Mich dürstet!” schießt mir sofort durch den Kopf! Jesus ruft in dieser Mail! Meine Tage sind übervoll. Aber wenn ER ruft, ist das wichtiger als alles andere, denke ich. So mache ich mir ein großes Zeitfenster am nächsten Tag frei. Wir vereinbaren ein Treffen. Als wir uns sehen, schaue ich in die verweinten Augen eines jungen Mannes. Er hatte mehr gelassen als viele andere, um mit seiner Frau ein gemeinsames Leben zu beginnen. Sie waren glücklich. Alles schien gut zu laufen. Und dann war da plötzlich eine geheime Verliebtheit seiner Frau zu einem anderen Mann. Mein Gesprächspartner hatte es gespürt, dass sich in seiner Frau etwas verschlossen hatte. Er hatte versucht, sie zu lieben - mit aller Phantasie und Feinfühligkeit. Aber es war keine Entwicklung mehr in ihre Beziehung gekommen. Eine nächtliche sms hatte alles offenbart. Tränen waren geflossen, die ganze Nacht hindurch. Unfähig schien er, den normalen Alltag zu vollziehen. Alles brach zusammen. Eine Zukunft schien nicht mehr möglich. Wir sprachen lange, versuchten zu verstehen, versuchten die Verschiedenheit von uns Menschen zu ergründen udn begannen langsam “Krisen” als Chancen zu begreifen. Wenn wir sie annahmen, waren sie kein Brett mehr, vor das wir laufen, sondern wurden zum Sprungbrett in eine verbindlichere Wirklichkeit... Als er ging, schien seine Hoffnung ein wenig aufgeflammt zu sein, aber noch sehr fragil.  Eine halbe Stunde später kam seine Frau. Auch dieses Mal ein tiefes ehrliches Gespräch. - An diesem Abend betete ich lange für die beiden. Der Raum zwischen ihnen sollte offen bleiben für den, der allein heilen und Neu-Anfang schenken kann. Am nächsten Tag eine Kurzbotschaft: “Die Zukunft sieht nicht mehr so düster aus wie gestern!”

Tief in der Nacht finde ich noch eine Mail: “Ich weiß nicht, was da manchmal mit mir los ist!” Plötzlich werd ich "wach" und weiß nicht, was die letzten zwei Stunden war. Obwohl viel Stress der vergangenen Wochen von mir abgefallen ist, habe ich nicht das Gefühl, dass es ruhiger wird.  Und dann kam eine Begegnung, auf die ich mich echt gefreut hatte, aber irgendwie war ich gar nicht richtig da. Es fiel mir so schwer "anzukommen", "loszulassen", dabei hatte ich mich so lange auf den Termin gefreut. Danke, dass du noch angerufen hattest. Mir ging es wirklich nicht gut. Ich hatte das Gefühl irgendwie nicht "gelebt" zu haben, die Zeit ist einfach an mir vorbei gerauscht. Ich saß - wie gelähmt - auf meinem Sofa, starrte vor mich hin und Tränen liefen über meine Wangen... - “Mich dürstet!”