Ich bin glücklich!
Sie war aufgestanden und aus dem Haus gegangen – völlig unerwartet. Dann hatte sie sich in einen nahen Fluss gestürzt. Als sie gefunden wurde, kam jede Hoffnung zu spät. Ich saß bei ihrem Mann – beide schon über 80 Jahre alt. Fassungslosigkeit und Verzweiflung im Raum. Wir sprachen lange und bereiteten miteinander die Beerdigung seiner Frau vor. Er kam aus einem südlichen Land und fühlte sich jetzt – trotz vieler Freundschaften – sehr allein.
Der Tage der Beerdigung war gekommen. Wir trafen uns auf dem Friedhof. Ich war schon früh hin gefahren, um jeden einzelnen zu begrüßen und ein Klima der Familie aufzubauen. Trotz des Schweren und Unsagbaren, war viel ehrliche Nähe und Empathie zu spüren. Der Beerdigungsritus half uns, diese Minuten zu leben und zu gestalten. Es gelang – trotz des lastenden Dunkels – mehrmals zu lachen. Am Ende des Ritus hielten wir zu einer Arie von Andrea Bocelli noch ein paar Augenblicke dankbarer Stille. Plötzlich stand der Ehemann der Verstorbenen auf und ging an den Sarg. Er fasste ihn mit beiden Händen an und schüttelte ihn voller Verzweiflung. Er wollte seine Frau nicht gehen lassen. Zu frisch war alles. Ich ging zu dem alten Mann und legte behutsam meinen Arm um ihn. Ich spürte sein Zittern und Beben. Er weinte bitterlich. Ich drückte ihn fest an mich heran. 4 Minuten dauerte die Arie – eine Ewigkeit. Kurz vor ihrem Ende drehte er sich mir zu, schaute mich an und sagte: „Danke, dass Du jetzt für mich da bist!“ Es war einen Tag vor Weihnachten. Ich begriff das Weihnachtsgeheimnis neu: Gott bittet in dem wehrlosen Kind um unsere Nähe. Und wenn wir sie ihm in jedem auf Hilfe angewiesenen Menschen schenken, sagte er, der verborgene Gott: „Danke, dass Du jetzt für mich da bist!“
Am Heiligen Abend waren wir unterwegs, um Flüchtlings-Kindern ein Geschenk zu bringen. Wir klopften an eine Tür. Wir erwarteten eine Familie aus Nigeria. Sie war nicht mehr da. Hingegen schauten wir in die Augen eines verängstigten jungen Paares. Ein kleines Kind weinte auf den Armen seiner Mutter. Der Raum - nackt und kahl: zwei Betten aus Stahlrohr, zwei Stühle, ein kleiner Tisch, ein Kühlschrank und ein Schrank. Die Verständigung gelang nur mit Hilfe eines Dolmetschers. Sie kamen aus Georgien. Ohne Worte fragte uns hier "jemand": Kannst Du mir helfen? - Kurz vor dem Weihnachts-Gottesdienst konnten wir noch ein Kinderbett, Spielzeug, Bekleidung, einen Teppich und etwas zu Essen besorgen. Als wir zum zweiten Mal in die Flüchtlings-Herberge kamen, mit allen nützlichen Dingen beladen und der Familie neben den Dingen unser Lächeln schenkten, kehrte ein tiefer Friede in das kleine Zimmer ein. Es war Weihnachten.
Drei meiner Mitbrüder, mit denen ich mich regelmäßig getroffen hab, waren im Lauf einer kurzen Zeitspanne gestorben. Das war und ist ein gewaltiger Schmerz, der sehr an mir nagt. Auf einmal fehlt mir das regelmäßige Treffen, bei dem ich immer neu Jesus in unserer Mitte erfahren durfte. Wie sollte ich weiter meinen Weg gehen? „Für Gott ist nichts unmöglich!“ Auf originelle Weise gab er Antwort. Ich war zu einigen Tagen Erholung zu einem weiter entfernt lebenden Mitbruder gefahren. Uns kam die Idee, einen franziskanischen Bruder zu besuchen, der durch einen schweren Auto-Unfall seit Jahren ständig Schmerzen hat. Er ist in eine tiefe Verbundenheit mit Jesus in seiner Verlassenheit hinein geführt worden – ein echter Experte. Ein sehr brüderliches Gespräch entspann sich. Zwei seiner Sätze trafen meine Seele sehr: „Wenn du treu den Augenblick mit Jesus dem Verlassenen lebst, bist ganz verbunden mit allen, egal ob Brüder da sind oder nicht!“ Und: „Die Stille ist die Sprache Gottes!“ Das berührte mich zutiefst, zumal ich Anbetung in Stille liebe und suche und alle BewohnerInnen des Altenheimes mit in dieses Gebet hinein nehme. Dann weiß ich mich immer neu verbunden als Fröhlicher mit den Fröhlichen und als Weinender mit den Weinenden. Als wir fuhren, spürte ich einen tiefen Frieden in meiner Seele.
Heut hab ich über meinen Weg mit go4peace nachgedacht und mir ist klar geworden, wie bedeutsam für mich die jährlichen Sommer-Treffen in den Camps und die darin gewachsene Verbundenheit darüber hinaus sind. Während der Tage im Camp ist alles sehr intensiv, das Beten, die Verbundenheit untereinander, das Erleben der Worte Gottes… aber dieses Feuer bleibt auch während des Jahres am Brennen.
Ich bekomme in den Camps immer Energie geschenkt, die ich in mir berge und dann nach den Camps einsetze. Das gemeinsame Leben in den Camps ist so wunderbar, aber die wirklichen Herausforderungen, das Leben des Evangeliums voranzubringen, kommen dann nach der gemeinsamen Zeit in den Camps. Die geschenkte positive Energie hilft mir auf diesem Weg in meinem Alltag. Deshalb bin ich so dankbar für alles, was ihr für mich und für uns junge Leute in Europa tut. Wir brauchen das wirklich für unser Leben!