Ich bin glücklich!
Frieden – dieses kostbare Gut, wie können wir Jugendlichen Wege eröffnen, um selber zu Friedensstifter*innen zu werden? – Mit dieser Frage saßen wir in einem kleinen Team einer Gesamtschule zusammen. Alle 1500 Schüler*innen würden einen kleinen Friedensmahner aus Holz bekommen, aber an welchen konkreten Schritt könnte sie diese kleine Holzstehle immer neu erinnern. Ich erzählte, dass ich Menschen immer wieder verspräche, in schweren und herausfordernden Lebenssituationen an sie zu denken und für sie zu beten. „Ich gebe diesen Menschen dann konkret einen Platz in meinem Herzen und begleite und trage sie dort mit. Oft, wenn ich abends noch in unserer Kirche für sie gebetet habe, stecke ich eine Kerze für sie an und schicke ihnen ein Foto davon. Ich spüre, dass ich in Frieden mit ihnen bin, wenn sie in meinem Herzen sind.“ Ganz aufmerksam hörte eine muslimische junge Sozialarbeiterin zu. „Ich bin ganz gerührt“, ließ sie mich wissen, „diesen Weg, anderen in meinem Herzen einen Ort anzubieten, habe ich noch nie bedacht. Aber ich freue mich, dass jetzt mal ausprobieren zu können. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, erzähle ich dir von meinen Erfahrungen.“
Sie arbeitete als Praktikantin in unserer Lerngruppe, war gebürtig aus Syrien und hatte vor über zehn Jahren aus ihrer Heimat fliehen müssen. Ich fragte sie vorsichtig, ob sie bereit wäre, den Jugendlichen davon zu erzählen. Sie bejahte und erzählte von ihrer langen Flucht durch Wüsten, über Wasser - immer in der Nacht. Sehr bewegt stellte sie dar, wie alle Menschen eines Bootes, das vor dem ihren unterwegs war, ertrunken waren ... Später dann ließ sie mich wissen, dass sie am Tag vor der Präsentation zu Hause geweint hatte. Sie hatte Angst, von all dem zu erzählen, hatte sich dann aber doch überwunden und gedacht hat: „Tu’s für die Kinder und für eine bessere Welt!“ - Nach ihrer Erzählung sagte eine Schülerin: „Das werde ich nie vergessen.“ Ein anderer bemerkte leise: „Ich bin nur noch Gänsehaut.“ Mir fiel das Motto des Tages ein: „Tu, was jetzt zu tun ist.“ Wir schenkten ihr einen Blumenstrauß. Sie sagte uns mit Tränen in ihren Augen: „Ihr seid meine zweite Familie.“
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Noch schnell zum Briefkasten, denn ich hatte von einer älteren Frau gehört, die sich auf ihre letzte Lebensetappe machte und so hatte ich ihr noch einen Kartengruß geschrieben, der sie noch erreichen sollte. Auf dem Weg traf ich einen Obdachlosen. Er war vor über 10 Jahren aus dem Iran gekommen. Ich hatte ihn und hatte ihn lange nicht gesehen. Ich grüßte ihn kurz. Er sprach mich an, so blieb ich stehen. „Wie geht es dir?“ fragte er mich. Ich schaute ihn an und erwiderte: „Ich bin zufrieden!“ Seine Antwort: „Oh, das hört man selten. Zufrieden sein, im Frieden mit sich sein, das ist das größte Geschenk, denn das kann man mit Geld und mit nichts auf der Welt kaufen. Was für eine Aussage: Im Frieden sein!“ Dann lächelte er mich an, wünschte mir noch einen schönen Abend und sagte: „Ach könnte doch auch ich so im Frieden mit mir sein.“
Wir kamen aus verschiedenen Welten und waren uns in einem Seminar begegnet – sie aus Nordafrika, ich aus Europa, sie jung an Jahren und ich schon älteren Semesters, sie im muslimischen Glauben unterwegs, ich im christlichen, sie als Teilnehmerin des Seminars, ich als Impulsgeber … was uns einte war der tiefe Wunsch, für ein lebendiges Miteinander vieler Menschen – Brücken über Gräben bauend – zu leben. Wir saßen beim Abendessen. Sie ließ mich verstehen, wie begeistert sie von dem Projekt „navi4life“ und dem Logbuch „Mein Leben – windschief und glänzend“ war und wie bereichernd sie all meine geteilten Erfahrungen erlebt hatte. „Das müssen ganz viele Menschen, auch in meinem Land mitbekommen. Das musst du über die sozialen Medien teilen. Denn – gerade jetzt im Ramadan – scrolle ich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde auf meinem Handy. Und in alles, was ansprechend ist und mich interessiert, gehe ich dann kurz hinein. Das geht alles ganz schnell. Aber so geht unser Leben – heute. Und wenn wir dann Vertrauen zu jemandem im Netz fassen, dann möchten wir all das lesen, was dieser eine Menschen, dem wir da zufällig im Netz begegnet sind, sagt!“ Ich schaute in die leuchtenden, lebenshungrigen, vertrauenden und hoffnungsvollen Augen eines jungen Menschen. „Wenn du willst, kann ich dir gern bei all dem helfen, denn das muss gut geplant sein.“ Voller Fragen und voller Vertrauen schaute ich meine junge Gesprächspartnerin an. Ich bin gespannt, was aus dieser Begegnung wachsen will.