Ich bin glücklich!
Mein Tag war noch voller Kleinigkeiten, die es noch zu erledigen galt. Es hatten sich noch Mutter und Tochter angesagt, um mit afrikanischen Freunden auszutauschen und einige Fragen zu besprechen. Immer wieder kamen die noch zu erledigenden Aufgaben in meinen Kopf. Jedes Mal gab ich ihnen einen “Stoß” und dachte. “Schenk dich jetzt - in diesem Augenblick und tu nur das!” Wir saßen um einen großen Tisch. Mitgebrachter Kuchen war einladend aufgebaut. Kaffee und Tee schmeckten. Mehr und mehr entwickelte sich ein Gespräch, das an Tiefe kaum zu überbieten war. Obwohl wir uns alle relativ unbekannt waren, kamen wir in einen Austausch über unseren Glauben, der unserer Herzen brennen ließ. Ich dachte an das Evangelium des Tages: “Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!” Hier brannte das Feuer der sich schenkenden Liebe und Gott war mit Händen zu berühren. Ich war froh, dass ich nicht meinem “Erledigen-Wollen” sondern dem Impuls des Evangeliums, einfach im Augenblick zu lieben, gefolgt war. Die Ernte war um so reicher.
An der U-Bahn-Station bei meiner Schule stand gestern ein junger Mann, der mich nach etwas Kleingeld fragte, ich musste aber fix in die Schule und winkte ihm mit einem "Sorry, keine Zeit!" ab... Als ich von der Schule wieder zur Bahn ging, war er noch immer da, grinste... doch ich hatte es wieder eilig - er rief noch hinterher, dass ihm langweilig sei, ob wir uns nicht ein wenig unterhalten wollten, doch ich hatte, wie gesagt, keine Zeit. Heute nun ging ich mit einer Freundin an der gleichen Stelle Richtung Kiosk. Er war wieder da, mit ein paar Freunden und lächelte. “Na ihr Hübschen, habt ihr etwas Kleingeld übrig?” Ich sagte: “Mal schauen, wie es nach dem Kioskbesuch aussieht!” Es war zwar nicht viel, aber die paar Cent, die ich ihm geben konnte, erfreuten ihn sichtlich. Seine Dankbarkeit war deutlich zu sehen - gar nicht vorrangig über das Geld, sondern über die Art unserer Begegnung- respektvoll und freundlich, keinerlei Arroganz. Das war für mich ein äußerst wahrer Augenblick!
Lange hatten wir uns nicht gehört. Um so mehr freute mich der Anruf. Viel gab es zu berichten - aus den vergangenen Monaten. Und dann kam das Gespräch auf einige Besinnungstage. Sie hatten sehr in die Tiefe geführt. Am Abend eines der Tage - so durfte ich am Telefon hören - hatte es noch ein norwegisches Märchen gegeben. Es handelte von einem Drachen, der seine Bräute in der Brautnacht immer neu verschlang. Die neue Braut hatte Rat bei einer alten Frau gesucht, die ihr gesagt hatte, sie solle sieben Kleider übereinander anlegen und den Bräutigam in der Hochzeitsnacht darauf verpflichten, dass immer, wenn sie ein Kleid ablege, auch er eine Haut ablegen müsse. So geschah es. Nach einem wunderbaren Hochzeitsfest verschwanden die beiden im Brautgemach. Am Ende zeigte sich der Drache, der schmerzvoll Haut um Haut abgelegt hatte, als ein wunderschöner Prinz. “Und was steckt in meiner Drachenhaut?” hörte ich mein lachendes Gegenüber am Telefon. Und dann wurde mir das Kostbarste ihrer Seele anvertraut. Über viele Jahre von Menschen nicht angeschaut worden zu sein, bedeutete größten Schmerz. Und in den Besinnungstagen war dieser innerste Schmerz plötzlich wieder lebendig. Doch in einer Gebetszeit wuchs aus größtem Schmerz plötzlich aus dem Innersten der Seele die Gewissheit, dass mein Sein zutiefst Ausdruck der Liebe Gottes zu mir ist, dass vor allem Nein der anderen SEIN "Ja!" stand. Im Innersten, im Innigsten der Seele strömte lebendige Liebe. Die Erfahrung weitete sich und offenbarte: Alles, was ist, ist Ausdruck der Liebe. - Tief gerührt und beschenkt stand ich mit meinem Handi im Zimmer. Und wieder neu spürte ich: ER ist da, in der Mitte der Seinen, die bereit sind, einander ALLES zu schenken - allen Schmerz und alle Freude!"
Über Jahre hatten wir einen Besuch in der Verwandtschaft nicht mehr machen können. Krankheiten in mehreren Familien hatten ein Zusammen-Sein verunmöglicht. Nun waren die Karten neu gemischt. Ich hatte meiner Mutter versprochen, eine Tante zu besuchen, die ungefähr eine Stunde von uns entfernt wohnte. Die Freude meiner Tante war schon am Telefon zu spüren gewesen. Sie konnte die Stunden, bis wir uns sehen würden, kaum abwarten. Unglücklicherweise verletzte ich mich am Vortag am Auge. Es tränte unaufhörlich. Am nächsten Tag, dem Besuchstag, entschied ich, zunächst zum Arzt zu gehen. Wegen der Ferienzeit mußte ich viele Kilometer fahren. Als ich wieder zu Hause war, schmerzte das Auge sehr und ich wußte nun, dass das auch ein paar Tage noch so bleiben würde. Ich spürte, wie der Besuch bei meiner Tante plötzlich auf wackeligen Beinen stand. Während der Mittagspause betete ich zu Gott und spürte, dass jetzt einfach Mut und die größere Liebe angefragt waren. Ich entschied, zu fahren. Als wir meine Verwandte erreichten, sprühte sie - wie auch meine Mutter - voller Freude, sich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Immer wieder ließ meine Tante uns ihre Freude spüren. Waffeln mit heißen Preiselbeeren und Sahne waren hergerichtet... Wir blieben lange, sehr lange. In meinem Herzen tauchte immer wieder ein Wort Marias an die Jünger bei der Hochzeit zu Kanaan auf: “Was ER (Jesus) euch sagt, das tut!” ER hatte gesagt zu fahren. Jetzt durfte ich Zeuge einer tiefen Freude und eines ehrlichen Austausches innerhalb meiner Familie werden.