Ich bin glücklich!
Lange hatten wir sie vorbereitet, eine Menschenkette rund um unsere Stadt als Zeichen für ein friedliches Miteinander. Zum Teil war es schleppend gelaufen. Viele Menschen hatten sich nicht bewegen lassen und blieben zu Hause. Nach dem Augenblick des Schweigens und des Betens mit über 1000 Menschen in der Kette hatten wir noch zu einem kleinen Umtrunk eingeladen. Es waren auch viele Asylanten und Flüchtlinge aus unserer Stadt gekommen, um die Augenblicke noch zu teilen. Am Ende dieser Begegnung kam eine junge Frau aus dem Iran mit ihrem Sohn zu mir, um sich zu verabschieden. Sie hat es nicht leicht hier im Land und fühlt sich oft sehr allein. Sie spricht bisher nur gebrochen deutsch. Mit Tränen in den Augen stand sie vor mir und machte mir klar: Nach weit über zwei ein halb Jahren hier in Deutschland war das Geschehen dieses Tages der erste Augenblick, wo sie sich richtig dazu gehörig gefühlt hatte!
Noch schnell in den Aldi. Schon von weitem sehe ich einen Mann in ärmlicher Kleidung vor dem Laden stehen. Er hält einige Zeitschriften in der Hand, die er zum Verkauf anbietet. Alles drängt mich an ihm vorbei, denn ich weiß, dass ich diese Zeitung kaum kann lesen werden. Mir fällt die Brille ein. “Schau mit den Augen Gottes!” denke ich. Ich spreche den noch jungen Mann an. Er erzählt ein wenig von sich - im Trubel des Einkaufstresses. Ich kaufe ihm eine Zeitung ab und bitte ihn, die Zeitung noch so lange zu behalten, bis ich den Laden wieder verlasse. “Wissen Sie, ich hab keine Tasche. Von daher ist es für mich leichter, die Zeitschrift nach dem Einkauf mitzunehmen!” . “Kein Problem!” erwidert er. Nach wenigen Augenblicken im Geschäft, spricht mich der Filial-Leiter an. “Hier, das ist ihre Zeitung! Wir sind angewiesen, solche Zeitungsverkäufer von unserem Gelände zu verweisen. Und der Mann hat - ehe er ging - mir noch gesagt, diese Zeitung gehöre ihnen. So bring ich sie Ihnen!” Ein wenig verdutzt nehme ich die Zeitung in Empfang. Gut, dass ich sofort reagiert und diesem Mann noch ein Exemplar abgekauft hatte. Vielleicht hatte ich ihm an einem Tag voller Ablehnung einen kleinen Augenblick ehrlichen Miteinanders vermittelt.
Im Auto erreicht mich ein Anruf. Ich erfahre, dass ein älterer Mann, den ich vor einigen Wochen kennen gelernt hatte, verstorben ist. Meine Gedanken wandern zu seiner Frau, die auch schon weit über 80 Jahre alt ist. Als ich sie besucht hatte, waren mir ihre tiefen, gütigen und liebevollen Augen sehr ins Herz gefallen. Ihr Rücken war von den Jahren sehr gebeugt. Sie konnte nur noch in tief gebückter Haltung gehen. Sie sorgte sich um jeden und jedes. Von einer Nachbarin hatte ich erfahren, dass diese alte Frau sich Tag für Tag von ihrem Sohn hatte ins Altenheim zu ihrem Mann bringen lassen. Sie kam mittags und half ihrem Mann beim Essen. Allein schaffte er das nicht mehr. Sie blieb bis zum Abend und ließ sich dann wieder heimfahren, Tag für Tag. Ich sah ihre tiefe, konkrete Liebe vor meinem inneren Auge. “Siehst du diese Frau?” kam mir in den Sinn. Auf dem Heimweg betete ich einen Rosenkranz für sie und ihren Mann, der angekommen war.
Lange sprach ich mit einem Freund, der mich anrief. Ich erzählte von meiner Familie und davon, wie wir mit einem Onkel umgehen, der ins Pflegeheim mußte und den ich über Jahre hinweg immer wieder betrunken erlebt habe. Die ärztliche Diagnose über seinen Zustand war nieder schmetternd. “Wie gehst Du denn mit all dem um?” fragte mich mein Freund. Ich begann zu erzählen, wie ich dafür zu sorgen versuche, dass dieser Onkel in Würde leben kann. Er tut mir richtig leid, ihn so elendig und - zum großen Teil selbstverschuldet - hilflos am Ende seines Lebens zu erleben “Wieso kannst du für diesen Menschen noch so fühlen? Woher nimmst du nur die Kraft? Er hat doch deiner Familie so viel angetan!” kam dann als Frage. “Wer bin ich, dass ich ihn verurteilen könnte?” war meine Gegenfrage. Ich habe ihm dann erzählt,, wie sehr ich mich von Menschen begleitet fühle und immer wieder aufgefangen weiß. Und ich habe ihm erzählt, dass ich alle negativen Gedanken, die eben auch kommen, zu Jesus bringe. “Weißt Du”, hörte ich mich sagen, “es hilft mir zu beten und mich leer zu machen. Jesus ist immer da und nimmt alles in sich hinein. Wenn ich Jesus nachfolgen will, muss aus dem schlimmsten Schmerz doch Liebe werden, sonst stimmt doch etwas nicht!” Mein Freund wurde sehr nachdenklich. So wie dieses Mal hatte ich noch nie mit ihm gesprochen. Ich verstand neu: So schmerzhaft eine Situation auch ist, in allem ereignet sich Reife, wenn ich sie zulassen und mit allem zu Jesus gehe!