Zum Hauptinhalt springen

Ich bin glücklich!

Wir kamen aus verschiedenen Welten und waren uns in einem Seminar begegnet – sie aus Nordafrika, ich aus Europa, sie jung an Jahren und ich schon älteren Semesters, sie im muslimischen Glauben unterwegs, ich im christlichen, sie als Teilnehmerin des Seminars, ich als Impulsgeber … was uns einte war der tiefe Wunsch, für ein lebendiges Miteinander vieler Menschen – Brücken über Gräben bauend – zu leben. Wir saßen beim Abendessen. Sie ließ mich verstehen, wie begeistert sie von dem Projekt „navi4life“ und dem Logbuch „Mein Leben – windschief und glänzend“ war und wie bereichernd sie all meine geteilten Erfahrungen erlebt hatte. „Das müssen ganz viele Menschen, auch in meinem Land mitbekommen. Das musst du über die sozialen Medien teilen. Denn – gerade jetzt im Ramadan – scrolle ich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde auf meinem Handy. Und in alles, was ansprechend ist und mich interessiert, gehe ich dann kurz hinein. Das geht alles ganz schnell. Aber so geht unser Leben – heute. Und wenn wir dann Vertrauen zu jemandem im Netz fassen, dann möchten wir all das lesen, was dieser eine Menschen, dem wir da zufällig im Netz begegnet sind, sagt!“ Ich schaute in die leuchtenden, lebenshungrigen, vertrauenden und hoffnungsvollen Augen eines jungen Menschen. „Wenn du willst, kann ich dir gern bei all dem helfen, denn das muss gut geplant sein.“ Voller Fragen und voller Vertrauen schaute ich meine junge Gesprächspartnerin an. Ich bin gespannt, was aus dieser Begegnung wachsen will.

In einer WhatsApp-Nachricht eines Freundes aus Beirut lese ich: „Niemand weiß, wie es weiter geht.  Diese Nacht sind acht Menschen an der Meer-Promenade unserer Stadt  getötet worden. Sie waren als Flüchtlinge gekommen und hatten sich dort sicher gefühlt. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, und die Spannungen bleiben groß.  Schule ist wohl sehr wichtig für die Kinder.  Vorgestern hörte ich, dass die Schulen heute wieder geöffnet werden sollten, jedoch ist dies keine landesweite  Entscheidung.  Selbst in unserem Viertel, welches doch als 'ziemlich sicher' angesehen wird, sind die Schulen weiterhin geschlossen. Ein Kriegsende, ein Friedens-Abkommen wären die ersten Schritte. Leider muss ich sagen, dass die Kinder sehr unter diesem (und anderen Kriegen) leiden.  Die Ängste, die Unsicherheit, der Stress, Konzentrationsmangel, Internetgebrauch (Kinder sind oft den ganzen Tag nur vor den Screens!), überforderte Eltern und Lehrkräfte ... Es ist wirklich eine Katastrophe. Wir sind noch weit vom normalen Leben entfernt.  Darum weiß ich nicht, oder werde mal mit den Schwestern sprechen, welche Prioritäten im Augenblick vorrangig sind.  Ja, Meinolf, ich weiß nicht, was ich noch sagen kann.  Mir fehlen wirklich die Worte, jedoch versuchen wir in jedem Augenblick neu Nähe und Geschwisterlichkeit zu leben.“ Auch an diesem Abend gehe ich mit all diesem Leid zu Gott. Ihm darf ich alles ans Herz legen.

Ein langer Tag mit einem gelungen Workshop und einer vielfältigen Länderpräsentation ging zu Ende. Ich spürte nach einem weiten Weg eine echte Müdigkeit in mir und wollte mich schlafen legen, da der nächste Tag wieder viele Straßenkilometer mit sich bringen würde. Doch mein Herz gab mir den leisen Impuls: „Geh nochmals für ein paar Begegnungen zu den Freiwilligen aus aller Welt!“ So setzte ich mich zu ihnen. Ich spürte ihre Freude über mein Kommen. Ein langes Gespräch über unser Mensch-Sein und über Gott entwickelte sich. Als die meisten schon Schlafen gegangen waren, begann eine junge Freiwillige ihre ganze Not ins Wort zu bringen. Sie stand vor einer Entscheidung und wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Lange sprachen wir. Von allen Seiten beleuchteten wir die Frage.  Am Ende fragte ich sie, ob sie einen Draht zu Gott habe. Er war ihr verloren gegangen. Aber unser ehrliches Miteinander ließ sie am Ende sagen: „Weißt du, ich habe Gott aus den Augen verloren, aber heute Abend ist mir in unserem Gespräch etwas aufgeleuchtet, was mir als Kind sehr wichtig war. Ich werde wieder neu beginnen, zu beten.“

Die Spritpreise waren sehr gestiegen. Abends sah ich, dass ich 4 Cent pro Liter sparen konnte und fuhr an eine Tankstelle, wo ich sonst nur selten tanke. Als ich zur Kasse ging, bediente mich eine jüngere Muslima. Sie trug ein Kopftuch. Sie strahlte mich an und sagte: „Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor!“ – „Dann machen wir jetzt eine Ratestunde!“ scherzte ich. Dann fragte sie mich, ob ich nicht an der Hauptschule Jahr für Jahr die Schuhkarton-Aktion für Waisenkinder in Bosnien veranstaltet habe. Voller Freude bejahte ich. „Ich fand das damals schon so cool, dass Sie sich einfach für andere Menschen verschenken. Mich hat das sehr beeindruckt. Bitte, machen Sie weiter so. Unsere Zeit braucht solche Menschen!“ Berührt und meinerseits beeindruckt verabschiedete ich mich und sagte: „Wie schön, dass Sie Positives erinnern und erzählen und damit stark machen. So schreiben wir gemeinsam Geschichte!“