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Mein Herz wurde warm.

Eher zufällig trafen wir uns nach einem Gottesdienst. Sie waren ein Paar. Aufmerksam hatte die Frau meiner Predigt zugehört. Sie fragte nach meiner Arbeit. Ich begann zu erzählen, dass ich mich dafür einsetze, junge Menschen firm für ihr Leben werden zu lassen – und das auch in Brennpunkt-Schulen. Sie sollten eine Chance bekommen, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Ich erzählte von einer Klasse, in der ich mit 95 % muslimischen Jugendlichen gearbeitet hatte. Die Frau ließ mich verstehen, dass sie auch Muslima war. „Ich war bei der Predigt, als du von Gott gesprochen hast, so tief berührt. Mein Herz wurde ganz warm!“ Dann schwieg sie, schaute mich mit großen Augen an. Augenblicke der Stille folgten. „Es hat so gut getan“, durfte ich noch hören, dann gingen die beiden. Ein Wort von Isaac dem Syrer kam mir in den Sinn: „Es gibt nur eine Sünde, kein Gespür für den Auferstandenen zu haben!“

Wir haben Nähe gespürt.

Zu späteren Jahren hatten sie sich entschieden, ihren gemeinsamen Lebensweg unter den Segen Gottes zu stellen und kirchlich zu heiraten. Aus ihrem Freundeskreis hatten sie eine stattliche Zahl sehr talentierter Musiker eingeladen. Beim Blick in die Kirche spürte ich, dass viele mit Gott und Kirche wenig Berührung zu haben schienen. Mir war es ein Anliegen, so gut es ging, alle unter dem Horizont der Feier ankommen zu lassen. So thematisierte ich kurz die Buntheit und Unterschiedlichkeit unserer Lebensüberzeugungen und bot allen als Namen Gottes „die große Gegenwart“ an, hatte sich Gott doch dem Mose als der „Ich-bin-da!“ geoffenbart. Plötzlich war eine aufnahmebereite stille Atmosphäre zu spüren. Die Trauung mit wunderbaren musikalischen Darbietungen wurde zu einem echten Fest der Herzen. Nach der Liturgie kam ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch: „Unsere Herzen sind so sehr angerührt“, ließen sie mich wissen, „denn als Sie von der ‚großen Gegenwart‘ sprachen, waren wir alle mit drin in diesem Geheimnis.  Wir haben Nähe gespürt. Wir sind so dankbar.“

Glücklich

Immer wieder kam sie in die leere Kirche und suchte die Stille. Irgendwann ließ sie uns wissen, dass sie gerne getauft werden wollte. Ich lud sie in ein Eiskaffee ein. Schnell fasste sie Vertrauen. Leicht war’s nicht in ihrer Kindheit gewesen, ließ sie durchblicken, aber sie hatte begonnen zu beten und fühlte, dass sie nicht allein auf ihrem Weg war. „Gott passt immer auf mich auf, das spüre ich!“ sagte sie. Die Schule hatte sie schon hinter sich und war jetzt auf der Suche nach einer für sie passenden Ausbildung. Sie hatte sich ein Gebetbuch besorgt und ich versprach ihr einen schönen Rosenkranz. Ich erzählte ihr von einigen anstehenden Großaktivitäten, bei denen sie gern mit dabei sein könne. Gern willigte sie ein. „Ich freue mich so sehr, dass ich dann junge Menschen kennen lernen kann, die auch glaubend unterwegs sind!“ Als wir uns verabschiedeten, sagte sie: „Oh, das war so schön. Ich bin richtig glücklich und ich spüre, dass sich da ein Weg auftut.“

Vor allem die Stadionkulisse

 

Auf der Kirchenmeile des Katholikentags in Würzburg war das go4peace-Netzwerk mit einem großen Stand „navi4life – Navigier dich ins Leben!“ vertreten. Jugendliche hatten die Möglichkeit, sich auf einem Audio-Parcours Fragen des Lebens zu stellen und im Vielerlei der Angebote in ein paar Augenblicken der Stille bei sich selber anzukommen. Am ersten Tag des Glaubensfestes kamen zwei Jungen. Sie waren so begeistert von dem Parcours, dass sie uns versprachen auch ihren Kumpel zu schicken. Am nächsten Tag steuerte ein junger Mann auf uns zu und rief: „Meine Kumpels fanden das navi4life-Angebot so cool, dass sie mich überzeugt haben, auch noch zu kommen!“ Als er aus dem Parcours kam, ließ er uns wissen: „Ich bin total bewegt. Echt cool gemacht. Vor allem der letzte Raum mit der großen Stadionkulisse hat’s für mich gebracht. Ich habe die vielen verschiedenen Gesichter gesehen. Jeder ist ein Original. Und dann zu lesen: ‚Du bist einmalig!‘ hat gut getan! Danke euch!“

Frieden konkret

Zwei Teenies hatten bei einem Aufenthalt in einem Schullandheim, sehr negative religiöse Gefühle gezeigt, hatten symbolhafte Gegenstände zerstört und Mitglieder einer anderen Religion zutiefst verletzt. Das galt es ins Bewusstsein der jungen Leute zu holen und aufzuarbeiten. Eine Lehrerin, der es sehr am Herzen lag, Brücken zwischen verschiedenen Weltanschauungen zu bauen, hatte mich kontaktiert. Im Austausch am Telefon kamen wir zu dem Entschluss, den Teenies die Erfahrung der Vielfalt religiöser Überzeugungen nahe zu bringen. Wenig später meldete sich eine weitere Lehrerin in dieser Angelegenheit. Wir fanden einen guten Weg, um die Jugendlichen unter neue Horizonte einzuladen. „Ich bin so glücklich, dass du sofort aufgesprungen bist!“ hörte ich die junge Lehrerin sagen. Frieden geht eben immer nur konkret!

Dankbar

Seit Jahren hatten sie den Wunsch zu heiraten, aber das Leben blieb herausfordernd, so dass sie immer wieder verschieben mussten. Jetzt war es soweit. Sie kannten und liebten einander seit über 15 Jahren. Eine kirchliche Hochzeit kam nicht unter ihren Horizont, aber sie hatten um einen Segen gebeten. Um die beiden die Liebe der Kirche unter ihrem Horizont erleben zu lassen, hatte ich zugesagt. In einem schönen Parkambiente fand die Feier statt. Ich versuchte in meiner Ansprache alle Gäste – mit und ohne Zugang zum Glauben – mitzunehmen. Nach der Feier, während die Gäste schon zum Sektempfang gingen, blieb das Brautpaar noch zurück. Mit Tränen in den Augen ließ mich der Bräutigam wissen: „Ich bin so gerührt. Ich habe mich so drin und angesprochen gefühlt, alles hat gepasst. Ich weiß gar nicht, wie ich DANKE sagen soll.“ Ich hielte die Hände der beiden und sagte: „Wisst ihr, wir haben es alle erlebt. Da war eine Friede unter uns, in den sich jeder eingewoben gefühlt hat. Für mich ist es der Friede des auferstandenen Jesus, den er uns versprochen hat.“ Schweigend und tief verstehend standen wir ein paar Augenblicke noch beieinander. Als ich dann der Brautmutter begegnete, sagte sie: „Es ist nur ein Wort, was ich immer wiederholen kann: ‚dankbar, dankbar, dankbar‘.“

Sternschnuppen

 

Ich stieg aus dem Auto, gedankenversunken. Nur schnell noch ein Geschenk einpacken und bei einer Familie vorbeibringen. Da fiel mein Blick auf einen Jungen, den ich schon seit Kleinkindertagen gekannt hatte. Mir kam der Impuls stehen zu bleiben und kurz mit ihm zu reden. Voller Freude nahm er seine Ohrstöpsel ab und schüttelte mir kräftig die Hand. Er machte gerade einen Spaziergang. „Ab und zu mache ich solche Gänge alleine, das ist dann immer gut, um über das nachzudenken, was mich gerade bewegt!“ Ich staunte über seine Reife und ließ ihn das verstehen. „Und was hast du gerade gemacht?“ fragte er. Ich hatte im Baumarkt ein kleines Geschenk für einen Handwerker eingekauft und zeigte es ihm stolz. Es war eine gestanzte Blechplatte mit einem coolen Handwerkerspruch. Als wir ihn lasen, mussten wir richtig lachen. „Wie schön, dass wir uns begegnet sind,“ sagte mir der junge Bursche und ging dann weiter seines Weges.

Spannungen waren zu spüren.

In einer kleinen Arbeitsgruppe waren Spannungen aufgetreten. Rollen waren nicht geklärt und so regierte das Prinzip: Der Stärkere setzt sich durch. Eine Sitzung stand an, in der vieles geklärt werden sollte. Zu später Stunde machte ich mich noch auf den Weg, um mit einem der Mitarbeitenden zu sprechen und über das Ergebnis informiert zu werden. In seinem Herzen spürte ich – bei allem Verständnis für die Situation – keinen Frieden. Er schien sich zurückziehen zu wollen. Geduldig hörte ich ihm zu, fragte nach und spiegelte ihm seine eigene Not. Als wir uns verabschiedeten, ließ er mich wissen: „Danke, dass du noch gekommen bist und dir so viel Zeit genommen hast. Unser Gespräch hat mich sehr bestärkt, nochmals die offenen Fragen und alles Ungeklärte mit Entschiedenheit und Klarheit zu benennen und anzugehen.“

Füreinander

Er war noch jung, spürte aber schon einen tiefen Hunger nach Leben und nach Gott. So hatte er in einer Begegnung mit jungen Leuten beim Projekt „navi4life“ mitgewirkt und hatte seine Rolle hervorragend gespielt und persönliche Erfahrungen erzählt. Wenige Tage später begegnete ich ihm in seinem Gymnasium beim gleichen Projekt. Bei einem Aufstellungsspiel war ihm ein Mitschüler aufgefallen, dem niemand geholfen hatte, seine Fragen nach Gott ins Gespräch zu bringen. „Aber ich habe seine Offenheit und seinen ehrlichen Hunger gespürt!“ ließ mich der junge Mann wissen. Am darauffolgenden Sonntag fand ein Zeltgottesdienst für junge Leute statt. Ich lud den jungen Mann ein. Er kam und erzählte: „Gestern Abend kam mir der Impuls, zum Zeltgottesdienst zu kommen, um für meinen Mitschüler auf seiner Lebenssuche zu beten!“ Als wir Fürbitten formulierten und dazu kleine Weihrauchkörner auf eine Kohle fallen ließen, spürte ich, wie innig dieser junge Mann für seinen Mitschüler betete. Ich war tief gerührt.

Entscheidung

Dreißig Schüler*innen hätten kommen sollen, aber es kamen nur fünf. Ein kleiner Unfall, eine lädierte Straßenbahn, fehlerhafte Kommunikation innerhalb der Schule, unerwartete Klausuren, es gab vieles, was zusammen kam. „Entscheide dich, glücklich zu sein!“ war das Modul, das wir den Jugendlichen angeboten hatten. Als ich aufgrund der geringen Zahl einen Anflug von Enttäuschung in meinem Herzen verspürte, entschied ich mich, mit ganzer Kraft, Aufmerksamkeit und Liebe für die fünf Jugendlichen da zu sein. Es wurde ein hervorragender Nachmittag und abends durften wir in der Auswertung lesen: „War super! Macht bitte weiter!“ – „Der heutige Tag war sehr hilfreich für mich. Vor allem der ehrliche Austausch untereinander hat mir sehr gefallen.“ – „Vor allem die Frage: ‚Wieviel Gewissheit brauche ich, um mich zu entscheiden?‘ geht mir sehr nach.“ Zu später Stunde las ich noch in einer Botschaft: „Das Angebot heute war toll und inspirierend. Mein restlicher Tag bestand darin, mir nochmals Gedanken über all die Gesprächsimpulse zu machen und meine Antwort darauf zu finden. Ich bin sehr dankbar für dieses Angebot!“

Predigt Nummer fünf

Ostermontag – der Emmaus-Tag. Die fünfte Predigt. Wie sollte ich das Ostergeheimnis wieder neu „durchbuchstabieren“? Mir war in all den biblischen Ostererzählungen aufgefallen, wie „ergriffen“ die  Freundinnen und Freunde Jesu waren, wenn sie entdeckten, dass Jesus weiter lebt, allerdings auf eine ganz neue Weise. Drei Worte kamen mir in den Sinn: greifen – begreifen – ergreifen, bzw. ergriffen sein. Der Grundgedanke meiner Predigt: Wir lernen schon als Kinder, nach etwas zu greifen und sind, je älter wir werden, bestrebt, immer mehr zu begreifen. Und jetzt stehen wir vor dem Geheimnis der Auferstehung, die weder zu greifen noch zu begreifen ist. Aber es gibt da jemanden, der uns – in aller Freiheit - ergreifen will. Davon sprudeln die Oster-Erzählungen und sie möchten sich heute genauso ereignen, wie zur Zeit Jesu. Ich spürte, wie dieser Dreischritt für viele eine Hilfe schien. Große Aufmerksamkeit war zu spüren. Mit zwei Erfahrungen, die ich mit jungen muslimischen Weggefährten gemacht hatte, verdeutlichte ich das Gesagte. Am Ende des Gottesdienstes kam eine ältere Frau mit zwei Gehhilfen zu mir und sagte: „Ich bin echt gerührt. Sie haben Charisma!“ Schmunzelnd schaute ich sie an und sagte: „Vielleicht sind sie ja ergriffen, dann ist Emmaus nicht mehr weit!“ Lachend verabschiedeten wir uns.

Beim leckeren Tee

Seit gut einem Jahrzehnt war er mit seiner Frau in unserem Land. Zu Anfang hatte ich den beiden sehr helfen können. Mittlerweile waren sie gut integriert und lebten vorbildlich mit ihren kleinen Kindern. Aber nicht alle wollten ihnen gut. So hatten sie immer wieder Böswilligkeiten auszuhalten, gegen die sie sich zum Teil anwaltlich wehren mussten. So erreichte mich die Frage, ob ich ein wenig Zeit habe. Zwei Stunden später saßen wir zusammen. Bei einem Tee hörte ich lange zu und konnte Mut machen. Abends erreichte mich eine Botschaft: „Ich bin dir sehr dankbar für die schöne Zeit und den leckeren Tee. Immer,  wenn wir uns sehen, atmet meine Seele auf. Ich spüre das körperlich und psychisch. Ich bin Gott dankbar für alles, was ich habe. Gute Freunde, meine Familie und die schönen Momente mit Menschen, die wirklich lieben. Danke, dass du bei jedem Gebet an uns denkst. Das schenkt mir viel Kraft, gerade in diesen harten Zeiten. Ich bin mir sehr sicher, dass Gott uns auch jetzt behütet und weiter bringt.“

Zwei verwundete Herzen

Seit dem tragischen Tod eines Teenies, der mit seinem Fahrrad unter einen Bus gekommen war, hatten sich die Verantwortlichen des Unternehmens noch nicht bei der Mutter des verstorbenen Jungen gemeldet, die als Flüchtling in unser Land gekommen war. Nun lebet sie allein mit ihren verbliebenen Kindern. Unter dem Schweigen litt die junge Mutter sehr. So hatte ich beide Seiten zu einem Gespräch zu mir eingeladen, denn ich spürte, wie nötig es war, im geschützten Raum zu reden und einander – in allem Schmerz – ehrlich zu begegnen. In einer anfänglichen Atmosphäre großer Sprachlosigkeit konnte ich – über Religionsgrenzen hinweg Brücken bauen. Lange sprachen wir miteinander. Am nächsten Tag erreichte mich die Botschaft der Mutter: „Vielen lieben Dank! Du hast mir und meinem Herzen ehrlich sehr geholfen!“ Darunter zwei verwundete Herzen.

Du bist einfach da.

Der Schmerz über den tödlichen Unfall ihres Ältesten lastete noch schwer auf ihr. Auch das Zuckerfest am Ende des Ramadan, auf das sie sich immer so gefreut hatte, waren dunkle Stunden für sie. Dann hatten sie die Freunde ihres verstorbenen Kindes besucht. Es waren alles liebevolle Gesten. Doch für sie als Mutter schmerzte die Wunde, das ihr Sohn nie mehr nach Hause kommen würde, um so mehr. Ich saß bei ihr mit einem weiteren Freund aus Syrien. Die Wucht der Verzweiflung, die wir erlebten, hatte ich so nicht erwartet. Ich blieb lange und hielt alles mit aus. Als ich ging, sagte sie mir: „Viele Menschen haben große Worte gemacht und kommen nicht mehr. Ich bin viel allein und irgendwie will ich es auch, denn ich traue mich kaum noch nach draußen. Aber du vergisst mich nicht. Du kommst einfach und bist dann einfach da! Obwohl wir doch aus verschiedenen Religionen sind. Weißt du, was ich verstanden habe? Letztlich, wenn’s schwer wird, zählt nur, ob jemand da ist.

Ein Platz in meinem Herzen

Frieden – dieses kostbare Gut, wie können wir Jugendlichen Wege eröffnen, um selber zu Friedensstifter*innen zu werden? – Mit dieser Frage saßen wir in einem kleinen Team einer Gesamtschule zusammen. Alle 1500 Schüler*innen würden einen kleinen Friedensmahner aus Holz bekommen, aber an welchen konkreten Schritt könnte sie diese kleine Holzstehle immer neu erinnern. Ich erzählte, dass ich Menschen immer wieder verspräche, in schweren und herausfordernden Lebenssituationen an sie zu denken und für sie zu beten. „Ich gebe diesen Menschen dann konkret einen Platz in meinem Herzen und begleite und trage sie dort mit. Oft, wenn ich abends noch in unserer Kirche für sie gebetet habe, stecke ich eine Kerze für sie an und schicke ihnen ein Foto davon. Ich spüre, dass ich in Frieden mit ihnen bin, wenn sie in meinem Herzen sind.“ Ganz aufmerksam hörte eine muslimische junge Sozialarbeiterin zu. „Ich bin ganz gerührt“, ließ sie mich wissen, „diesen Weg, anderen in meinem Herzen einen Ort anzubieten, habe ich noch nie bedacht. Aber ich freue mich, dass jetzt mal ausprobieren zu können. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, erzähle ich dir von meinen Erfahrungen.“

Tu’s für eine bessere Welt!

Sie arbeitete als Praktikantin in unserer Lerngruppe, war gebürtig aus Syrien und hatte vor über zehn Jahren aus ihrer Heimat fliehen müssen. Ich fragte sie vorsichtig, ob sie bereit wäre, den Jugendlichen davon zu erzählen. Sie bejahte und erzählte von ihrer langen Flucht durch Wüsten, über Wasser - immer in der Nacht. Sehr bewegt stellte sie dar, wie alle Menschen eines Bootes, das vor dem ihren unterwegs war, ertrunken waren... Später dann ließ sie mich wissen, dass sie am Tag vor der Präsentation zu Hause geweint hatte. Sie hatte Angst, von all dem zu erzählen, hatte sich dann aber doch überwunden und gedacht hat: „Tu’s für die Kinder und für eine bessere Welt!“ - Nach ihrer Erzählung sagte eine Schülerin: „Das werde ich nie vergessen.“ Ein anderer bemerkte leise: „Ich bin nur noch Gänsehaut.“ Mir fiel das Motto des Tages ein: „Tu, was jetzt zu tun ist.“ Wir schenkten ihr einen Blumenstrauß. Sie sagte uns mit Tränen in ihren Augen: „Ihr seid meine zweite Familie.“

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Wie geht es dir?

Noch schnell zum Briefkasten, denn ich hatte von einer älteren Frau gehört, die sich auf ihre letzte Lebensetappe machte und so hatte ich ihr noch einen Kartengruß geschrieben, der sie noch erreichen sollte. Auf dem Weg traf ich einen Obdachlosen. Er war vor über 10 Jahren aus dem Iran gekommen. Ich hatte ihn und hatte ihn lange nicht gesehen. Ich grüßte ihn kurz. Er sprach mich an, so blieb ich stehen. „Wie geht es dir?“ fragte er mich. Ich schaute ihn an und erwiderte: „Ich bin zufrieden!“ Seine Antwort: „Oh, das hört man selten. Zufrieden sein, im Frieden mit sich sein, das ist das größte Geschenk, denn das kann man mit Geld und mit nichts auf der Welt kaufen. Was für eine Aussage: Im Frieden sein!“ Dann lächelte er mich an, wünschte mir noch einen schönen Abend und sagte: „Ach könnte doch auch ich so im Frieden mit mir sein.“

Einander begegnet

Wir kamen aus verschiedenen Welten und waren uns in einem Seminar begegnet – sie aus Nordafrika, ich aus Europa, sie jung an Jahren und ich schon älteren Semesters, sie im muslimischen Glauben unterwegs, ich im christlichen, sie als Teilnehmerin des Seminars, ich als Impulsgeber … was uns einte war der tiefe Wunsch, für ein lebendiges Miteinander vieler Menschen – Brücken über Gräben bauend – zu leben. Wir saßen beim Abendessen. Sie ließ mich verstehen, wie begeistert sie von dem Projekt „navi4life“ und dem Logbuch „Mein Leben – windschief und glänzend“ war und wie bereichernd sie all meine geteilten Erfahrungen erlebt hatte. „Das müssen ganz viele Menschen, auch in meinem Land mitbekommen. Das musst du über die sozialen Medien teilen. Denn – gerade jetzt im Ramadan – scrolle ich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde auf meinem Handy. Und in alles, was ansprechend ist und mich interessiert, gehe ich dann kurz hinein. Das geht alles ganz schnell. Aber so geht unser Leben – heute. Und wenn wir dann Vertrauen zu jemandem im Netz fassen, dann möchten wir all das lesen, was dieser eine Menschen, dem wir da zufällig im Netz begegnet sind, sagt!“ Ich schaute in die leuchtenden, lebenshungrigen, vertrauenden und hoffnungsvollen Augen eines jungen Menschen. „Wenn du willst, kann ich dir gern bei all dem helfen, denn das muss gut geplant sein.“ Voller Fragen und voller Vertrauen schaute ich meine junge Gesprächspartnerin an. Ich bin gespannt, was aus dieser Begegnung wachsen will.

Nähe und Geschwisterlichkeit

In einer WhatsApp-Nachricht eines Freundes aus Beirut lese ich: „Niemand weiß, wie es weiter geht.  Diese Nacht sind acht Menschen an der Meer-Promenade unserer Stadt  getötet worden. Sie waren als Flüchtlinge gekommen und hatten sich dort sicher gefühlt. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, und die Spannungen bleiben groß.  Schule ist wohl sehr wichtig für die Kinder.  Vorgestern hörte ich, dass die Schulen heute wieder geöffnet werden sollten, jedoch ist dies keine landesweite  Entscheidung.  Selbst in unserem Viertel, welches doch als 'ziemlich sicher' angesehen wird, sind die Schulen weiterhin geschlossen. Ein Kriegsende, ein Friedens-Abkommen wären die ersten Schritte. Leider muss ich sagen, dass die Kinder sehr unter diesem (und anderen Kriegen) leiden.  Die Ängste, die Unsicherheit, der Stress, Konzentrationsmangel, Internetgebrauch (Kinder sind oft den ganzen Tag nur vor den Screens!), überforderte Eltern und Lehrkräfte... Es ist wirklich eine Katastrophe. Wir sind noch weit vom normalen Leben entfernt.  Darum weiß ich nicht, oder werde mal mit den Schwestern sprechen, welche Prioritäten im Augenblick vorrangig sind.  Ja, Meinolf, ich weiß nicht, was ich noch sagen kann.  Mir fehlen wirklich die Worte, jedoch versuchen wir in jedem Augenblick neu Nähe und Geschwisterlichkeit zu leben.“ Auch an diesem Abend gehe ich mit all diesem Leid zu Gott. Ihm darf ich alles ans Herz legen.

Ein leiser Impuls

Ein langer Tag mit einem gelungen Workshop und einer vielfältigen Länderpräsentation ging zu Ende. Ich spürte nach einem weiten Weg eine echte Müdigkeit in mir und wollte mich schlafen legen, da der nächste Tag wieder viele Straßenkilometer mit sich bringen würde. Doch mein Herz gab mir den leisen Impuls: „Geh nochmals für ein paar Begegnungen zu den Freiwilligen aus aller Welt!“ So setzte ich mich zu ihnen. Ich spürte ihre Freude über mein Kommen. Ein langes Gespräch über unser Mensch-Sein und über Gott entwickelte sich. Als die meisten schon Schlafen gegangen waren, begann eine junge Freiwillige ihre ganze Not ins Wort zu bringen. Sie stand vor einer Entscheidung und wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Lange sprachen wir. Von allen Seiten beleuchteten wir die Frage.  Am Ende fragte ich sie, ob sie einen Draht zu Gott habe. Er war ihr verloren gegangen. Aber unser ehrliches Miteinander ließ sie am Ende sagen: „Weißt du, ich habe Gott aus den Augen verloren, aber heute Abend ist mir in unserem Gespräch etwas aufgeleuchtet, was mir als Kind sehr wichtig war. Ich werde wieder neu beginnen, zu beten.“