Ich bin glücklich!
“Ich bin Ihnen so dankbar”, höre ich eine Frau sagen, die vor vielen Jahren aus einem Kriegsland in unser Land gekommen ist. Sie hatte unsere Sprache gut gelernt, hatte sich mit all ihrer Kraft für ihre Familie eingesetzt und vier Kindern geholfen, mit dunkler Hautfarbe ihren Weg in unserem Land gehen zu lernen. Nun hatte ich geholfen, dass Sie noch einen Ausbildungsplatz zur Altenpflegerin hatte finden können. Ihre Prüfung hatte sie mit Bravour geschafft. “Ich bin so dankbar!” Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wir standen in der Nähe einer Kirche. “Ich spüre, wie ER gut ist zu mir und zu uns allen!” Dabei zeigte sie auf die Kirche. - Gerührt stand ich vor dem Lebenszeugnis einer Frau, die in aller Bescheidenheit aus ihrem Leben - durch viel Dunkel hindurch - etwas Großes hatte werden lassen. “Siehst du diese Frau?” kam mir in den Sinn.
Mein Großvater war seit einiger Zeit verwitwet. Er litt sehr an Einsamkeit. Schon lange kümmerten wir uns um ihn. In vielen Zeit-Etappen ging es gut und wir konnten diesen Dienst mit Freude tun, immer neu in ihm Jesus sehend. Aber es kamen auch Tage, an denen es schwer fiel diesem Dienst treu zu bleiben. So über die Pfingsttage. Schon früh merkte ich, dass wir dringend die Zeit mal wieder für uns brauchten. Aber dann wäre er über die Pfingsttage allein. Ich betete: “Komm, heiliger Geist!” Nachmittags erfuhr ich, dass der Bruder meines Großvaters ihn über die Pfingsttage eingeladen hatte. So war er in Gesellschaft und wir waren frei, uns zu erholen. Gott sorgt für uns - eben auch in diesen ganz konkreten Dingen!
Alles schien ausweglos! Am Telefon hörte ich geduldig zu. “Ich kann da nicht mehr hingehen, mich zerreißt das!” Ich konnte all die Gefühle und Barrieren gut verstehen. Was mich unruhig machte, war, einen Unfrieden in der Stimme meines Gegenübers zu hören. Die Beziehung zu seinem Vater war vor langen Jahren zerbrochen. Dieser Bruch blieb eine Last. Irgendwann war eine Begegnung zwischen beiden wieder möglich geworden - bei allen tiefen Wunden, die ein wenig vernarbt waren. Nun ging es dem alt gewordenen Vater gesundheitlich nicht gut. Es waren weitere Schritte für seinen Lebensabend zu überlegen. Alte Hoffnungen an intakte Familien-Verhältnisse spielten sich in die Seele dessen ein, mit dem ich sprach. In der gegebenen Situation waren sie nicht zu verwirklichen. Ich betete. “Komm heiliger Geist!” Immer wieder. War nicht die zerbrochene Sehnsucht nach einer intakten Familie das schwerste Kreuz was auf den Schultern des Anrufenden lastete. Vorsichtig brachte ich diese Vermutung ins Wort und machte Mut, dazu JA zu sagen.
Zunächst blieb ein Schweigen am Telefon. Und dann - ganz langsam - schien mir, als fiele eine ungemeine Last, Unleistbares leisten zu müssen, von den Schultern der Seele meines Gegenübers. Tage später las ich in einem Dankesbrief: Ich kann an der Situation nichts ändern! “Das ist Realität und die darf ich leben! Ich muss mir nicht beweisen, dass ich die Situation beherrsche, was ich ja offensichtlich auch nicht tue, aber sie beherrscht mich auch nicht (mehr)!
Der Blick Jesu vom Kreuz ist gnädig und nicht fordernd! Ich konnte im innigen Gebet meine tiefe Verletzung schenken und Jesus hat sie angenommen! Ich bin frei! Es ist, wie es ist und das gilt es in ehrlicher Liebe zu leben! Ich konnte sogar ein Gebet für meinen Vater beten, ganz allein für ihn!”
In meiner Nachbarschaft wohnt eine Familie, die letztes Jahr ihren kleinen Betrieb aufgegeben hat. An der Tür hatte ich damals gelesen: “aus gesundheitlichen Gründen”. Immer wieder hatte ich mir vorgenommen nachzufragen. Immer wieder hatte ich ein inneres Drängen gespürt, aber es war bei dem Vorsatz geblieben.
Vor einigen Tagen traf ich die Frau und spürte erneut den Drang, sie anzusprechen. Trotz aller Unsicherheit traute ich mich! Die Frau begann zu erzählen, ihr Mann habe im vergangenen Jahr einen schweren Unfall gehabt. Ich war erschüttert, denn von dem Unfall wußte ich. Es hatte zwei Schwerstverletzte gegeben und einen der beiden Unfallbeteiligten kannte ich. Nun hörte ich, wer der zweite war. Lange war ihr Mann im Krankenhaus gewesen und über Wochen war nicht klar, ob er überhaupt würde überleben können. Sie erzählte, was das für sie und ihre Kinder bedeutet habe und sie sprach darüber, dass sie sich durch das Gebet und die Hilfe einiger direkter Nachbarn sehr getragen gefühlt hatte. An Arbeit war für ihren Mann kaum mehr zu denken, es war schon ein Wunder, dass er an Krücken wieder gehen konnte. Und es blieb die große Herausforderung für ihn, zu dieser Behinderung nun Ja zu sagen und mit ihr- vor allem im Zusammensein mit anderen - zu recht zu kommen...
Wenn wir uns jetzt in der Stadt begegnen, schenken wir einander immer einen kurzen freundlichen Blick und dann und wann erzählen wir auch ein wenig. Wie gut, dass ich diesem inneren Drängen in mir gefolgt bin!